Full text: Der Stern der Erlösung

VOM WUNDER 
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die Bedenken, die seinen älteren Brüdern den Garaus gemacht 
haben? Muß nicht auch hier entweder die Philosophie be 
sorgen, zur Magd der Theologie erniedert zu werden, oder die 
Theologie, von der Philosophie überflüssig gemacht zu sein? 
Wie können wir dies gegenseitige Mißtrauen aufheben? Wohl 
nicht anders, als indem wir zeigen, wie von beiden Seiten ein 
Bedürfnis besteht, das nur die jeweils andere Partei befrie 
digen kann. So liegt es ja wirklich. Und hier müssen wir 
abermals auf die auffallende Tatsache zurückgreifen, daß im 
gleichen historischen Augenblick die Philosophie sich auf dem 
Punkt sah, wo ihr kein Schritt mehr weiter zu tun blieb, ja 
jeder Versuch, noch weiter zu schreiten, nur zum Sturz ins 
Bodenlose werden konnte, und die Theologie sich ihrer bis 
her festesten Stütze, des Wunders, plötzlich beraubt fühlte. 
Ist diese Gleichzeitigkeit mehr als Zufall — und daß sie das 
ist, dafür bürgen eigentlich schon die persönlichen Geschichts 
zusammenhänge, die, bisweilen bis zur Personalunion sich 
steigernd, zwischen den Trägern der beiden Umschwünge hin 
und wieder laufen —, liegt hier also mehr vor als ein Zufall, 
so muß eine solche wechselseitige Bedürftigkeit, und damit die 
Grundlosigkeit des gegenseitigen Mißtrauens, nachweisbar 
sein. 
Die Philosophie — wir dürfen uns hier nicht scheuen, schon 
gelegentlich Gesagtes wieder aufzunehmen, — hat um 1800 
ihre selbstgestellte Aufgabe der denkenden Erkenntnis des 
All gelöst; indem sie sich selbst in der Geschichte der Philo 
sophie begriffen hat, ist ihr nichts mehr zu begreifen übrig; 
auch den Gegensatz zum Wahrheitsgehalt des Glaubens hat 
sie, indem sie diesen Gehalt »erzeugte« und als ihre eigene 
methodische Wurzel entdeckte, überwunden. So also am 
Ziele ihrer sachlichen Aufgabe angelangt, bezeugt sie dies ihr 
Am-Ziel-Sein in der von vornherein in ihr angelegten, aber 
erst in diesem Augenblick verwirklichungsreifen Errichtung 
des eindimensionalen idealistischen Systems. Hier findet die 
ser historische Abschlußmoment seine rechte und gemäße 
Darstellung. Die Eindimensionalität ist die Form der restlos
        

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