Full text: Der Stern der Erlösung

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ZWEITER TEIL: EINLEITUNG 
gibt, wie schon der Satan im Buch Hiob weiß, erst das Zeug 
nis, das in den Qualen der peinlichen Frage aufrechterhalten 
wurde; der Blutzeuge erst ist der wahre Zeuge. So ist die 
Berufung auf die Märtyrer der stärkste Beweis des Wunders, 
zunächst auf die Märtyrer, die mit ihrem Martyrium eine 
Augenzeugenschaft zu erhärten hatten, dann aber weiterhin 
auch auf die späteren, die mit ihrem Blut die Festigkeit ihres 
Glaubens an die Glaubwürdigkeit derer, die ihnen das Wunder 
überliefert hatten, also letzthin der Augenzeugen, bewährten; 
ein Zeuge, für dessen Glaubwürdigkeit andere wortwörtlich 
durchs Feuer gehen, muß ein guter Zeuge sein. So wachsen 
beide Beweise, der der Schwur- und der der Blutzeugen 
schaft, zusammen und sind schließlich nach einigen Jahr 
hunderten ein einziger geworden in dem berühmten Rekurs 
Augustins von allen einzelnen Gründen auf die gegenwärtige 
historische Gesamterscheinung, die ecclesiae auctoritas, ohne 
die er dem Zeugnis der Schrift keinen Glauben schenken 
würde. 
So vollkommen ist Wunderglaube, und zwar nicht bloß 
der Glaube an das dekorative, sondern auch der an das zen 
trale, an das Offenbarungswunder, historischer Glaube. Daran 
ändert auch die luthersche Reformation nichts. Sie verlegt 
bloß den Weg der persönlichen Vergewisserung von der Peri 
pherie der Überlieferung, wo die Gegenwart steht, unmittel 
bar ins Zentrum, wo die Überlieferung entspringt; sie schafft 
damit einen neuen Gläubigen, keinen neuen Glauben; der 
Glaube bleibt historisch verankert, auch wenn eine gewisser 
maßen mystische Augenzeugenschaft den aus Schwur- und 
Blut^eugenschaft gekitteten Beweis der sichtbaren Kirche bei 
seite schiebt. Ganz und gar nicht, wie ja schon ausgeführt, 
konnte die naturwissenschaftliche Aufklärung, die gleichzeitig 
oder etwas später einsetzte, hier etwas ändern. Es mußte 
schon eine andre Aufklärung als die naturwissenschaftliche 
kommen, um diesem Glauben das Leben schwer zu machen, 
— eine historische Aufklärung.
        

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