Full text: Der Stern der Erlösung

VOM WUNDER 
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lichkeit, sondern seine besondere Wirklichkeit, die Glaub 
würdigkeit des einzelnen Wunders. Das Wunder mußte nicht 
wie ein allgemeiner Satz, sondern als ein besonderes Ereignis 
bewiesen werden. Es brauchte Zeugen. Diese und nur diese 
Beweisbedürftigkeit des Wunders wurde stets anerkannt und 
nach Kräften befriedigt. Alle Formen des gerichtlichen Be 
weises finden sich hier wieder: am schwächsten der Indizien 
beweis. hauptsächlich der Schwurzeuge und die peinliche 
Frage. Der Indizienbeweis, der auch vor Gericht erst in sehr 
später Zeit zu Ehren gekommen ist, spielt auch für das 
Wunder nur eine geringe Rolle, geringer jedenfalls, als man 
hier erwarten sollte; der Grund dafür ist eben, daß der Erfolg 
des Wunders, der ja allein die Indizien liefern könnte, das 
Wunder nur für die beweist, für die er »Zeichen« ist, also für 
die, welche dem Geschehen des Wunders in seinem ganzen 
Verlauf, also in den beiden für seinen Wundercharakter ent 
scheidenden Momenten, der Vorhersage und der Erfüllung, 
als Augenzeugen beiwohnten; die Vorhersage, die Wunder 
erwartung, bleibt immer das eigentlich konstitutive Moment, 
das Wunder selbst ist nur das realisierende Moment; beide 
zusammen bilden das »Zeichen«, wie denn die Heilige Schrift 
wie das Neue Testament den größten Wert darauf legen, 
ihrem Offenbarungswunder, jene durch die Verheißung an die 
Väter, dieses durch die Weissagung der Propheten, den 
Zeichencharakter zu verleihen. 
Auf die Augenzeugen also muß für den Beweis des 
Wunders grundsätzlich zurückgegangen werden. Bei ihrer 
eidlichen Vernehmung entscheidet die persönliche Glaub 
würdigkeit, die Beurteilung ihrer Beobachtungsfähigkeit, auch 
die Zahl, wie denn etwa in der altjüdischen Dogmatik* die 
bessere Glaubwürdigkeit des Sinaiwunders gegenüber dem 
Wunder des leeren Grabes mit Vorliebe durch die imponie 
rende Zahl der »600 000« Augenzeugen bekräftigt wird. Aber 
die Krone der Beweise ist auch die beschworene Aussage 
noch nicht; sie kann trotz allem bewußt oder unbewußt falsch 
sein, ohne daß der Beurteilende es bemerkt. Volle Sicherheit
        

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