Volltext: Der Stern der Erlösung

VOM WUNDER 
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durch den Einfluß oberer Mächte gelenkt und bestimmt wird. 
Wäre es anders gewesen, so müßte es uns rätselhaft 
erscheinen, wie denn das Wunder als solches wahrnehmbar 
werden konnte; uns scheint es heute des Hintergrunds der 
Naturgesetze zu bedürfen, vor dem es sich allein als Wunder 
gewissermaßen abhebt. Dabei übersehen wir aber, daß die 
Wunderbarkeit des Wunders für das Bewußtsein der dama 
ligen Menschheit auf einem ganz anderen Umstand beruht, 
nämlich nicht auf seiner Abweichung von dem gesetzlich vor 
her festgelegten Lauf der Natur, sondern auf seiner Voraus- 
gesagtheit. Das Wunder ist wesentlich »Zeichen«. Es ist 
ganz richtig, daß, wie man schon bemerkt hat, das einzelne 
Wunder in einer ganz wunderbaren, ganz gesetzlosen, ge 
wissermaßen verzauberten Welt gar nicht als Wunder auf- 
fallen könnte. Es fällt auch nicht durch seine Ungewöhnlich 
keit auf — die ist nur, obwohl oft für die Wirkung höchst 
nötige, »Aufmachung«, nicht Kern —, sondern durch seine 
Vorausgesagtheit. Daß ein Mensch den Schleier, der gemein 
hin über der Zukunft liegt, zu heben vermag, das, nicht daß er 
die vorausgegangene Bestimmung aufhebt, ist das Wunder. 
Wunder und Prophetie gehören zusammen. Ob im Wunder 
zugleich etwa auch eine magische Wirkung ausgeübt wird, 
das kann ganz dahingestellt bleiben und bleibt dahingestellt, 
wesentlich ist sie auf keinen Fall; Zauber und Zeichen liegen 
auf verschiedenen Ebenen. Einen Zauberer, befiehlt die 
Thora, sollst du nicht leben lassen. Den Propheten hingegen 
befiehlt sie zu prüfen, ob sein vorausgesagtes Zeichen eintrifft. 
Darin spricht sich eine ganz verschiedene Bewertung aus. 
Der Magier richtet sich tätig eingreifend gegen den Weltlauf 
und begeht deshalb nach der Beurteilung des Qottesstaates 
ein todeswürdiges Verbrechen. Er greift Gottes Vorsehung 
an und will ihr das von ihr Unvorhergesehene, Unvorher 
sehbare, das von seinem eigenen Willen Gewollte abtrotzen, 
ablisten, abzwingen. Der Prophet hingegen enthüllt voraus 
sehend das von der Vorsehung Gewollte; indem er das 
Zeichen sagt — und auch das, was in den Händen des Magiers
        

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