Full text: Der Stern der Erlösung

120 
ZWEITER TEIL: EINLEITUNG 
sammen mit dem, den wir in der Einleitung zum vorigen Teil 
immer wieder als den kritischen Zeitpunkt auch für die Phi 
losophie kennen lernten, dem Augenblick, wo der Philosophie 
ihr Grundbegriff des einheitlichen denkbaren All in der Hand, 
die ihn fest zu umklammern glaubte, in Stücke sprang. Die 
Philosophie hatte in diesem Augenblick ihren alten Thron 
wanken gefühlt; die, ein tausendjähriges Exil mitgerechnet, 
mehr als zweijahrtausendalte Dynastie, welche Thaies und 
Parmenides gegründet hatten, schien in einem größten Nach 
fahren ebenso glänzend wie plötzlich zu verlöschen. Und 
gleichzeitig ungefähr sah sich auch die Theologie gezwungen, 
jene bezeichnete Räumung ihrer durch Jahrtausende gehal 
tenen Linie vorzunehmen und weiter rückwärts eine neue 
Stellung zu beziehn. Eine auffallende Gleichzeitigkeit! 
Wenn Augustin oder sonst ein Kirchenvater die Göttlich 
keit und Wahrheit der geoffenbarten Religion gegen heid 
nische Angriffe und Zweifel zu verteidigen hatte, versäumte 
er schwerlich, auf die Wunder zu weisen. Sie waren, obwohl 
sie nicht allein von der offenbarten Religion in Anspruch ge 
nommen wurden, sondern auch Pharaos Weise ihre Weisheit 
durch Wunder beglaubigten, das kräftigste Argument. Denn 
mochten die heidnischen Magier ihre Stäbe auch in Schlangen 
verwandeln: der Stab Moses verschlang die Stäbe der 
Götzendiener. Die eigenen Wunder waren wunderbarer als 
die Wunder des Widersachers. Das Maß der Wunderbarkeit, 
das eine rationalistische Gesinnung nach Möglichkeit gedrückt 
hätte, wurde also im Gegenteil nach Kräften gesteigert. Je 
wunderbarer, umso wahrer. Ein Naturbegriff, wie er heute 
dem allgemeinen Bewußtsein die Freudf am Wunderbaren 
verdirbt, stand damals merkwürdigerweise nicht im Wege, 
obwohl er da war. Die Gesetzlichkeit des Naturgeschehens, 
dieses Grunddogma der heutigen Menschheit, war durchaus 
auch der älteren Menschheit selbstverständlich. Denn prak 
tisch kommt es ja in unserem Falle auf das Gleiche heraus, ob 
alles durch in den Dingen gesetzlich wirkende Kräfte oder
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.