Full text: Der Stern der Erlösung

ÜBERGANG 
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steigt der Gott hernieder und tut seinen Willen kund. Aber 
siehe da: vielleicht ists auch anders. Sind nicht die Götter 
Teile und Ausgeburten der ewigen Welt? Aristoteles lehrt es 
und zahlreiche Theogonien allerorten mit ihm. Und offenbart 
nicht der alten Erde Mund dem Menschen alles, was ihm zu 
wissen frommt? der Kampf zwischen Gäa und den Himm 
lischen um das Recht der Orakel, das ganze Heidentum kämpft 
ihn nicht aus. Und Götter selber steigen hernieder und holen 
sich Rats aus der Erde Mund und erfragen ihr göttliches 
Geschick aus dem Spruche des voraussinnenden, weisen Sohns 
der alten Mutter. Und der — wer weiß denn, ob er nicht 
selber, er das Maß aller Dinge, der wahre Schöpfer ist und 
alles so, wie seine Satzung es fügte, beschaffen. Sind nicht 
Menschen durch Menschenspruch in die Sterne versetzt? 
Götter geworden? Ja, wären vielleicht alle, die man als 
Götter heute verehrt, gestorbene Menschen von einst, Könige 
und Helden der Vorzeit? Und alles Göttliche nichts als 
erhöhtes menschliches Selbst? Aber nein — in erdgebundner, 
götterscheuer Schwäche kriecht das menschliche Leben da 
hin, mit demütigem Gebet versuchend, den Willen der Himm 
lischen zu wenden, dem Zwang des Äußern mit zauber 
kräftigem Gegenzwang begegnend, doch nimmer fähig, die 
Grenzen des Menschlichen zu überschreiten; der Erde dunkle 
Macht und des unbegreiflichen Verhängnisses drücken ihm den 
stolzen Nacken nieder — wie sollte er sich vermessen, der 
Erde und des Schicksals Herr zu sein? 
Vielleicht, vielleicht, — ein Wirbelwind der Widersprüche, 
in den wir geraten sind: bald scheints, als ob Gott der 
Schöpfer lind Offenbarer oben thronte, Welt und Mensch ihm 
zu Füßen, bald wieder als ob die Welt auf dem Herrscher 
stuhl säße, Gott und Mensch ihre Ausgeburten, bald wieder als 
ob der Mensch zu oberst stünde und Welt und Göttern das 
Gesetz seiner Art zuwöge, er aller Dinge Maß. Es ist ja kein 
Drang in den dreien, zu einander zu kommen; jedes ist nur 
als Ergebnis entstanden, als Abschluß; abgeschlossen in sich, 
die Augen ins eigene Innere gerichtet, jedes sich selber ein
        

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