Full text: Der Stern der Erlösung

ERSTER TEIL: DRITTES BUCH 
sein; »Phobos« und »Eieos« würden sich als »Ehrfurcht und 
Liebe« enthüllen, die Seele Sprache gewinnen und das neu 
geschenkte Wort von Seele zu Seele ziehen. Nichts von 
solchem Zueinanderkommen hier. Alles bleibt stumm. Der 
Held, der Furcht und Mitleid in andern erweckt, bleibt selber 
unbewegtes starres Selbst. Im Beschauer wiederum schlagen 
sie sofort nach innen, machen auch ihn zum in sich selber ein 
geschlossenen Selbst. Jeder bleibt für sich, jeder bleibt Selbst. 
Es entsteht keine Gemeinschaft. Und dennoch entsteht ein 
gemeinsamer Gehalt. Die Selbste kommen nicht zueinander, 
und dennoch klingt in allen der gleiche Ton, das Gefühl des 
eigenen Selbst. Diese wortlose Übertragung des Gleichen 
geschieht, obwohl noch keine Brücke führt von Mensch zu 
Mensch. Sie geschieht nicht von Seele zu Seele — es gibt 
noch kein Reich der Seelen; sie geschieht von Selbst zu Selbst, 
von einem Schweigen zum andern Schweigen. 
Das ist die Welt der Kunst. Eine Welt stummen Ein 
verständnisses, die keine Welt ist, kein wirklicher, hin und 
her lebendiger Zusammenhang der hin und wider ziehenden 
Rede, und dennoch an jedem Punkt fähig, auf Augenblicke be 
lebt zu werden. Kein Laut durchbricht dies Schweigen, und 
dennoch kann in jedem Augenblick ein jeder das Innerste des 
andern in sich selber spüren. Es ist die Gleichheit des Mensch 
lichen, die hier als Gehalt des Kunstwerks wirksam wird, vor 
aller wirklichen Einheit des Menschlichen. Noch vor aller 
wirklichen Menschensprache schafft die Kunst als Sprache des 
Unaussprechlichen die erste und für alle Zeit unter und neben 
der eigentlichen Sprache unentbehrliche stumme Verständi 
gung. Das Schweigen des tragischen Helden schweigt in aller 
Kunst und wird in aller Kunst verstanden ohne alle Worte. 
Das Selbst spricht nicht und wird doch vernommen. Das 
Selbst wird gesehen. Das reine stumme Schauen vollzieht in 
jedem Beschauer die Wendung hinein ins eigene Innere. 
Die Kunst ist keine wirkliche Welt; denn die Fäden, die in 
ihr von Mensch zu Mensch gezogen werden, laufen nur für 
Augenblicke, nur für die kurzen Augenblicke des unmittel
        

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