Full text: Der Stern der Erlösung

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ERSTER TEIL: DRITTES BUCH 
innere Mensch also, gradezu charakterlos; der Begriff des 
Weisen, wie ihn klassisch wieder Kongfutse verkörpert, 
wischt über alle mögliche Besonderheit des Charakters hin 
weg; er ist der wahrhaft charakterlose, nämlich der Durch 
schnittsmensch. Es mag zur Ehre des Menschengeschlechts 
gesagt sein, daß wohl nirgends als nur hier in China ein so 
langweiliger Mensch wie Kongfutse zum klassischen Muster 
bild des Menschlichen hat werden können. Etwas ganz andres 
als Charakter ist es, was den chinesischen Menschen aus 
zeichnet: eine ganz elementare Reinheit des Gefühls. Das 
chinesische Gefühl ist ohne jede Beziehung zum Charakter, 
gewissermaßen ohne jede Beziehung zu seinem eigenen 
Traget, etwas rein Gegenständliches; es ist, in dem Augen 
blick wo es gefühlt wird, und ist, weil es gefühlt wird. Keine 
Lyrik irgend eines Volks ist so reiner Spiegel der sichtbaren 
Welt und des unpersönlichen, aus dem Ich des Dichters ent 
lassenen, ja gradezu aus ihm abgetropften Gefühls. Es gibt 
Verse des großen Litaipe, die kein Übersetzer ohne das Wort 
Ich wiederzugeben wagt und die gleichwohl im Urtext, wie es 
die Eigenart der chinesischen Sprache erlaubt, ohne jede An 
deutung irgendwelcher Personalität, gewissermaßen also rein 
in der Es=Form, gehalten sind. Die Reinheit des doch ganz 
augenblicklichen Gefühls — was ist das anders als der Wille, 
dem es nicht beschieden ward, sich an einem Charakter zu 
verkörpern, die Wallung, die nur Wallung bleibt ohne irgend 
ein Substrat. Hinter diese Reinheit und Unverstelltheit des 
Gefühls langt nun wieder der große Weise, der in China selber 
China überwand, Laotse. Das Gefühl, so elementar und so 
charakterentblößt es war, hatte noch Inhalt; so war es noch 
sichtbar, aussprechbar, — benennbar. Von Laotse aber heißt 
es: er wollte namenlos bleiben. Diese »Verborgenheit des 
Selbst« ist es, die er auch seinem Vollkommenen vorschreibt: 
Unmerkbarkeit, Unbezeugtheit, ein Gehenlassen der Dinge; 
wie der Urgrund selber so muß auch der Mensch jenseits sein 
von Tun und Nichttun; er schaut nicht zum Fenster heraus 
und deshalb sieht er den Himmel; er hilft, indem er selber das
        

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