Full text: Der Stern der Erlösung

METAETHIK 
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aus also müßten wir auf das Unzulängliche der Gedanken von 
Individualität und Persönlichkeit zum Begreifen des mensch 
lichen Lebens hingeführt werden. 
Hier aber leiten uns die Begriffe von Selbst und Charakter 
weiter. Der Charakter, und so das Selbst, das auf ihm sich 
gründet, ist nicht die Begabung, welche die Himmlischen »bei 
der Geburt schon« dem jungen Erdenbürger als seinen Anteil 
am gemeinsamen Menschheitsgut in die Wiege legten. Ganz 
im Gegenteil: der Tag der natürlichen Geburt, der der große 
Schicksalstag der Individualität ist, weil bei ihr das Schicksal 
des Besonderen bestimmt wird durch den Anteil am All 
gemeinen, dieser Tag ist für das Selbst mit Dunkel bedeckt. 
Der Geburtstag des Selbst ist ein andrer als der Geburtstag 
der Persönlichkeit. Auch das Selbst nämlich, auch der 
Charakter hat seinen Geburtstag; er ist eines Tages da. Es 
ist unwahr, daß der Charakter »wird«, daß er »sich bildet«. 
Das Selbst überfällt den Menschen eines Tages wie ein ge 
wappneter Mann und nimmt von allem Gut seines Hauses 
Besitz. Bis zu diesem Tag — es ist immer ein bestimmter 
Tag, auch wenn der Mensch ihn nicht mehr weiß — bis zu 
diesem Tag ist der Mensch ein Stück Welt auch vor seinem 
eigenen Bewußtsein; die Sachlichkeit des Kindes erreicht kein 
späteres Lebensalter je wieder. Der Einbruch des Selbst 
beraubt ihn mit einem Schlage all der Sachen und Güter, die er 
zu besitzen sich vermaß. Er wird ganz arm, er hat nur sich, 
kennt nur sich, niemand kennt ihn; denn es ist niemand da 
außer ihm. Das Selbst ist der einsame Mensch im härtesten 
Sinn des Worts. Das »politische Tier« ist die Persönlichkeit. 
Das Selbst also wird an einem bestimmten Tag im 
Menschen geboren. Welcher Tag ist das? Der gleiche, an 
dem die Persönlichkeit, das Individuum, den Tod in die Gat 
tung stirbt. Eben dieser Augenblick läßt das Selbst geboren 
werden. Das Selbst, der »Daimon«, nicht im Sinne von 
Goethes orphischer Stanze, wo das Wort grade die Persön 
lichkeit bezeichnet, sondern im Sinn des Heraklitworts »Sein 
Ethos ist dem Menschen Daimon«, dieser blinde und stumme,
        

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