Full text: Der Stern der Erlösung

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ERSTER TEIL: DRITTES BUCH 
Wobei freilich dieser an sich starke Ausdruck auch schon 
wieder die ganze Schwäche Kants verrät, über der sein Un 
vergängliches zunächst in Vergessenheit geriet: in der Gleich 
setzung der beiden Sphären als »Welten«. Welt ist eben nur 
die eine. Die Sphäre des Selbst ist nicht Welt und wird es 
auch nicht dadurch, daß man sie so nennt. Damit die Sphäre 
des Selbst »Welt« wird, muß »diese Welt vergehn«. Der Ver 
gleich, der das Selbst in eine Welt einordnet, verführt schon 
bei Kant selbst und ganz offen bei seinen Nachfolgern zur 
Verwechslung dieser »Welt« des Selbst mit der vorhandenen 
Welt. Er täuscht hinweg über den Kampf des Unversöhn 
lichen, über die Härte des Raums und die Zähe der Zeit. Er 
verwischt das Selbst des Menschenleben indem er es zu um 
reißen meint. Unsre Gleichung, welche die formale Ver 
schiedenheit so stark betont — durch die Gleichsetzung zweier 
Ungleicher im einen, zweier Gleicher im andern Fall —, läuft 
diese Gefahr nicht; sie kann deshalb den inhaltlichen Paral 
lelismus, daß in beiden Fällen Aussagen über ein Gleiches 
gemacht werden, wenn auch entgegengesetzte Aussagen, ruhig 
zur Anschauung bringen. 
D as Selbst ist also von außen gesehen nicht von der Per 
sönlichkeit zu unterscheiden. Innerlich aber sind sie 
genau so verschieden, ja, wie gleich deutlich werden wird, 
entgegengesetzt, wie — Charakter und Individualität. Wir 
haben das Wesen der Individualität als einer Welterscheinung 
verdeutlicht an dem Kreis ihres Laufs durch die Welt. Die 
natürliche Geburt war auch die Geburt der Individualität; in 
der Begattung starb sie den Tod in die Gattung zurück. Der 
natürliche Tod gibt hier nichts mehr hinzu; der Kreislauf ist 
schon erschöpft; daß das individuelle Leben noch über die 
Erzeugung des Nachkommen hinaus fortdauert, ist gerade von 
der Individualität aus unbegreiflich; vollends das Phänomen 
der Fortdauer des individuellen Lebens sogar über die Jahre 
der Zeugungskraft hinaus, das Greisentum, ist für eine rein 
natürliche Ansicht des Lebens ganz unfaßbar. Schon von hier
        

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