Full text: Kinder- und Hausmärchen

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sich die Frau, daß sie die Faulheit ihrer Tochter sollte offen 
baren und sprach: „ich kann sie nicht vom Spinnen abbrin 
gen, sie will immer und ewig spinnen, und ich bin arm und 
kann den Flachs nicht herbeischaffen." „Ei, antwortete die 
Königin, ich hör nichts lieber als spinnen, und bin nicht ver 
gnügter, als wenn die Räder schnurren; gebt mir eure Loch/ 
ter mit ins Schloß, ich habe Flachs genug, da soll sie spinnen, 
so viel sie Lust hat." Die Mutter wars von Herzen gern 
zufrieden, und die Königin nahm das Mädchen mit. Als sie 
ms Schloß gekommen waren, führte sie es hinauf zu drei 
Kammern, die lagen von unten bis oben voll vom schönsten 
Flachs. „Nun spinn mir diesen Flachs, sprach sie, und wenn 
du es fertig bringst, so sollst -du meinen ältesten Sohn zum 
Gemahl haben; bist du gleich arm, so acht ich nicht darauf, 
dein unverdroßner Fleiß ist Ausstattung genug." Das Mäd 
chen erschrack innerlich, denn es konnte den Flachs nicht spin 
nen, und wars dreihundert Jahr alt geworden und hätte jeden 
Tag von Morgen bis Abend dabei gesessen Als es nun allein 
war, sieng es an zu weinen und saß so drei Tage, ohne die 
Hand zu rühren. Am dritten Tage kam die Königin, und 
als sie sah, daß noch nichts gespunnen war, verwunderte sie 
!lch, aber das Mädchen entschuldigte sich damit, daß es vor 
großer Betrübniß über die Entfernung aus seiner Mutter 
Hause noch nicht hätte anfangen können. Das ließ sich die
	        

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