Full text: Kinder- und Hausmärchen

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Schwesterchen, wie auch dieses sprach: „Wer aus mir trinkt, 
wird ein Wolf! wer aus mir trinkt, wird ein Wolf! " Da 
rief das Schwesterchen: Ach, Brüderchen, ich bitte dich, trink' 
nicht, sonst wirst du ein Wolf und frissest mich." Das Brü 
derchen trank nicht und sprach: „ Ich will warten, bis wir 
zur nächsten Quelle kommen, aber dann muß ich trinken, du 
magst sagen was du willst; mein Durst ist gar zu groß." 
Und als sie zum dritten Brünnlein kamen, hörte das Schwe- 
sterlein, wie es im Rauschen sprach: „Wer aus mir trinkt, 
wird ein Reh! wer aus mir trinkt, wird ein Reh!" Das 
Schwesterchen sprach: „Ach, Brüderchen, ich bitte dich, 
trink' nicht, sonst wirst du ein Reh und laufst mir fort." 
Aber das Brüderchen hatte sich gleich bei dem Wrünnlein nie 
der geknieet, hinab gebeugt und von dem Wasser getrunken 
und wie die ersten Tropfen auf seine Lippen gekommen waren, 
lag es da als ein Rehkälbchen. 
Nun weinte das Schwesterchen über das arme, verwünschte 
Brüderchen, und das Rehchen weinte auch und saß so traurig 
neben ihm. Da sprach das Mädchen endlich: „Sey still, 
liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen." Dann 
band es sein goldenes Strumpfband ab und that es dem Reh 
chen um den Hals, und rupfte Binsen und flocht ein weiche- 
Seil daraus. Daran band es das Thierchen und führte es 
weiter, und gieng immer tiefer in den Wald hinein. Und als
	        

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