Full text: Konrad Wallenrod

, 
?. I 
>7* 
- 99 — 
(S. 36, V. 21). 
m . Die Pestjungfrau. 
Das gemeine Volk in Litthauen denkt sich die Pestlust 
in Gestalt einer Jungfrau, deren hier nach der Volkssage 
geschilderte Erscheinung der schrecklichen Krankheit voran 
schreitet. Ich führe in ihrem wesentlichen Inhalte eine 
Ballade an, wie ich sie einst in Litthauen vernahm: „Im 
Dorfe erschien die Pestjungfrau, und, indem sie, nach 
ihrer Gewohnheit, die Hand durch Thür oder Fenster 
steckte, und mit einem rothen Tuche wehte, säete sie Tod 
in den Häusern. Die Einwohner schlossen sich fest ein, 
aber Hunger und andere Bedürfnisse nöthigten sie bald 
zur Vernachlässigung derartiger Vorsichtsmaßregeln, sie 
Alle erwarteten also den Tod. Ein gewisser Edelmann 
beschloß, obgleich er reichlich mit Lebensmitteln versehen, 
und diese sonderbare Belagerung am längsten auszuhal 
ten im Stande war, dennoch sich für das Wohl seiner 
Nächsten zu opfern, nahm sein Sigismund-Schwert, auf 
welchem die Namen Jesus und Maria standen, und 
öffnete, so bewehrt, das Fenster des Hauses. Mit einem 
Hiebe schlug er dem Gespenste die Hand ab, und erbeutete 
das Tuch. Er starb zwar, und mit ihm erlosch sein gan 
zes Geschlecht, aber die Pest ward seitdem im Dorfe nie 
wieder gesehen." — Jenes Tuch soll in der Kirche irgend 
eines Städtchens aufbewahrt sein. 
Im Orient soll vor dem Erscheinen der Pest ein Ge 
spenst auf Fledermausslügeln sich zeigen, und mit ben 
Krallen auf die zum Tode Verdammten hinweisen. 
So scheint es, als ob die Einbildungskraft des Volkes 
sich dieses geheimnißvolle Vorgefühl und diese sonderbare 
Furcht, welche einem großen Unglücke, oder dem Tode 
voranzugehen pflegen, und welche nicht nur einzelne Per-
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.