Full text: Konrad Wallenrod

98 
Literatur reich an Helden- und historischen Liedern ge 
wesen sein müsse, wenn auch Weniges der Art bis auf 
unsre Zeit gelangte. Denn in Preußen verboten die Kreuz 
herrn bei Todesstrafe den Beamten und allen dem Hofe 
Nahestehenden den Gebrauch der litthauischen Sprache; 
sie verwiesen die Wajdeloten, Litthauens Barden, welche 
die Thaten ihrer Nation kannten und besangen, sammt 
Zigeunern und Juden, des Landes. In Litthauen wieder 
geriethen zur Zeit der Einführung des Christenthums und 
der polnischen Sprache die alten Kaplane sammt der 
Muttersprache in Verachtung und Vergessenheit. Von da 
ab warf das gemeine Volk, welches zu Sklavendiensten 
und zum Ackerbau verwandt wurde, das Schwert von sich, 
und vergaß auch die Ritterlieder, während es sich den 
seiner jetzigen Lage angemesseneren Elegien und Idyllen 
zuwandte. Wenn noch etwas von ihren früheren Thaten 
und Heldengesängen übrig blieb, so wurde es dem Volke 
nur in seiner Häuslichkeit, oder zur Zeit der von Alters 
her mit Geheimnissen und Aberglauben verbundenen Fest 
lichkeiten mitgetheilt. Simon Grunau traf im 16. Jahr 
hunderte zufällig in Preußen auf ein Bockfest, aber kaum 
rettete er sein Leben, indem er den Bauern heilig gelobte. 
Niemand von dem etwas zu verrathen, was er hören 
oder sehen werde. Hierauf begann, nach vollbrachtem 
Opfer, ein alter Wajdelot die Thaten der alten Helden 
Litthauens zu besingen, indem er Lehren der Moral und 
Gebote mit einander verflocht. Grunau, welcher gut lit- 
thauisch verstand, bekennt, daß er Derartiges aus dem 
Munde eines Litthauers zu vernehmen, nicht erwartet 
habe, von solcher Schönheit war sowohl Inhalt, als 
Vortrag.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.