Full text: Lateinische Gedichte des X. und XI. J[ahr]h[underts]

RUODLIEB. 
© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 72 
nem scliwert erlegt. Hierauf sieht sie ihn sitzen auf 
dem gipfel einer hohen linde, um ihn her auf den asten 
seine streitgenossen. Über ein kleines fliegt eine schnee- 
weifse taube herbei, eine köstliche kröne im Schnabel. 
Sie legt die kröne ihm aufs haupt und setzt sich, küsse 
gebend und empfangend, auf seine liand. Dieses, jetzt 
das vorletzte blatt, bricht ab mit der eröfnung, die die 
mutter, wolbedächtlich erst drei tage nach dem träum, 
dem sohne macht über die hohen seiner wartenden ge- 
schicke. Wie viele blatter nach diesem fehlen mögen, 
ist schwer zu errathen. Doch scheint auch auf dem 
jetzt letzten die neue sagenhafte folge von begebnissen 
erst noch im beginnen zu sein, Es liegt nemlicli im 
fragment XVII fol. 34 a . eines der mythischen wesen; 
deren in unserer lieldensage unter bestimmten namen 
mehrere ihre rollen spielen, ein zwerg, vermutlich nach 
schwerem kämpfe, gebunden zu Rudliebs füfsen. *Töd- 
test du mich nicht,’ spricht er, ‘und lösest mir die 
hände, so zeig ich dir zweier könige hört, die mit dir 
kämpfen werden, Immunchs und seines sohnes Hariunchs. 
Beide wirst du erschlagen. Des reiches dann ein 
zige erbin, Heriburg die schöne maid, wirst du erwer 
ben, aber nicht ohne viel des blutes, thust du nicht, 
was ich, so du mich losgebunden, dir rathen werde.’ 
Nicht zu verkennen ist hier eine, mit dem träum von 
den beiden ebern und der weifsen taube übereinstim 
mende, noch deutlicher, und in namen, ausgesprochene 
darlegung dessen, was im weitern verfolg unsers Wer 
kes Vorkommen muste, leider aber, falls es überhaupt 
vollendet worden, verloren gegangen scheint. Denn 
nun folgt nur noch, wie Rudlieb den zwerg nicht los 
binden will, weil er wortbrücliigkeit besorgt, worauf 
dieser antwortet, nicht wie das geschlecht der men- 
sclien gehe das der zwerge mit betrug um und des-
	        

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