Full text: Lateinische Gedichte des X. und XI. J[ahr]h[underts]

WALTHARIUS. 
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betrachtete sorgfältig sie alle: ‘unter diesen fürchte ich, 
Hagano ausgenommen, keinen, der kennt meine kampf- 
sitte und weifs listen genug; weiche ich ihnen aus, so 
hast du nichts, o Hildgund, für deinen brautigam zu 
befahren.’ 
Als Hagano jenen vor dem felsenthor stehn sah, 
drang 'er den könig abzulassen und wegen des Schatzes 
friedliche mittel zuversuchen. Da entsandte Gunthari 
den Gamelo, der erst tags zuvor von Metz gekommen 
war und gaben an den hof gebracht hatte. 
Gamelo sprengte nach dem jüngling und fragte: 
‘wer bist, wannen kommst und wohin gedenkst du?’ 
Walthari: ‘erst will ich wissen, ob du von selbst nahst 
oder ein andrer dich sendet?’ ‘wisse, dafs Gunthari, 
der mächtige könig mich geschickt hat zu fragen.’ ‘ich 
aber weifs nicht wozu es notli ist wandrer auszufor 
schen: Walthari lieifs ich von Aquitania, als knaben 
gab mich mein vater zu geisel, in Hunenland lebte ich, 
jetzt entwich ich und kehre zur theuren heimat.’ ‘dich 
heifst der könig das ros mit den Schreinen und die 
jungfrau herausgeben, dann wird er leben und glieder 
dir lassen.’ ‘thoren gleich redest du; ein könig, den 
ich nicht kenne, sagt mir zu, was er nicht hat und 
nicht haben wird, ist er ein gott, dafs er mir leben 
gewähre? haben seine bände mich ergriffen? hält er 
mich gefesselt? doch höre, will vom streit er abstehn, 
geb ich ihm hundert goldrothe Spangen; dem königs- 
namen zur ehre.’ 
Gamelo hinterbringt das erbieten, Hagano rätli zur 
annahme, ihm ahnt sonst Unheil. er enthüllt seinen 
nächtlichen träum: der könig hatte einen bären zu be 
stehn, der ihm ein bein bis zur liüfte abrifs und dann 
dem zu hilfe eilenden Hagano ein äuge mit den zähnen 
ausstach. Da schilt ihn Gunthari: ‘du artest deinem 
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