Full text: Lateinische Gedichte des X. und XI. J[ahr]h[underts]

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 72 
20 Flexus longaevi dum stringit in ampla diei. 
Sis felix sanctus per tempora plura sacerdos, 
Sit tibi mente tua Geraldus carus adelfus! 
Wer war dieser Geraldus? im catalogus codd. mss. 
bibl. regiae, tom. 4 Par. 1744 p. 532 wird er bei num. 
8488 a bezeichnet als lloriacensis, ut videtur, monachus. 
in den (ehmals colbertisclien) codex selbst ist liemlich 
von später band beigeschrieben: S. Gerauld moine de 
Fleuri, comme il semble. der einfall scheint aber grund 
los und unhaltbar, schon die Verfasser der histoire lit. 
de France, tome 6 Par. 1742 p. 438 bemerken, dafs die 
geschickte von Fleuri gar keinen solchen Geraldus kenne, 
wie sollte auch in dem (sieben stunden von Orleans) 
an der Loire gelegenen ßenedictinerkloster ein ganz 
auf deutscher Überlieferung ruhendes, die Örtlichkeit 
des Oberrheins voraussetzendes, überall deutsche eigen- 
namen darbietendes gedieht entsprungen sein ? 
Kaum hätte ein fränkischer geistlicher des zehnten 
jh. seine mühe auf eine sage gewandt, in der ein Fran 
kenkönig gedemütigt erscheint und alle fränkischen bei 
den besiegt werden; viel eher konnte das ein Alemanne. 
Damit zerfällt auch die gleich müfsige Vermutung, 
Erkanbald sei ein erzbischof von Tours, der um 986 
lebte, und aus dessen lebenszeit lediglich man die des 
Geraldus abzusehn wagte. Noch weniger gedacht wer 
den darf an Erkenbald, abt von S. Maixent, welcher 
um 1044 erzbischof in Bourdeaux wurde und bis nach 
1068 lebte; eher könnte man sich einen gleichnamigen 
abt von S. Trutpert, an niederelsäfsischer grenze, in 
20 flectus longeui stringit B. 6 dum’ habe icli ergänzt, sinn 
des 19.20 verses scheint: wenn sich der lange lebenstag ins weite 
neigt, so ist auch gestattet zu spielen statt zu beten. ISach 22 
die halberblichne rubrik ‘versus quidam’ und darauf beginnt das 
gedieht selbst.
	        

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