Full text: Deutsche Grammatik. - Teil 3

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 21 
III. gemis. grammatifches. abftracter fiibfl. 477 
II. grammatifches genus abßracter gegenßäncle. 
Bisher wurden körperlich in die finne fallende 
fubftantiva unterfucht; jetzt gelangt unfere abhandlung 
zu denjenigen, die entweder unleibliche, wiewohl finn- 
lich wahrnehmbare, oder ganz überlinnliche begriffe 
ausdrücken. Den fchall, den Ichrei vernimmt zwar 
das ohr, allein er bildet keinen körper, wie das ele- 
jnent, die luft (f. 389) felbft, er ift bloß etwas in dem 
element vorgehendes, wie lieh der lauf, der fchlag an 
fühlbaren dingen ereignen. Alle folche Vorgänge in 
der natur, alle empfindungen, gedanken und handlungen 
des inenfehen will ich unter der benennung abftracter 
gegenftände zufammenbegreifen. 
Der unterfchied folcher abfiractionen von den leib 
lichen dingen (den eigentlichen fachen), in bezug auf 
das ihnen beigelegte genus, fpringt in die äugen. Diele 
fachen hatten durch ihre lichtbare, fühlbare und dauernde 
geltalt eine gewilfe analogie mit den wefen, deren 
natürliches gefchlecht die fprache ausdrückt. Zum llieil 
ftand ihnen Ielblt noch wirkliches, befchränkteres leben 
zu, wie den thieren und pflanzen, deren fexualverhält- 
niffe tinberücklichtigt blieben, oder lie waren belebte 
theile eines ganzen lebens, wie die unter 10. 11. 12 
abgehandelten gegenftände. Wenn ihnen aber auch kein 
eignes leben beiwohnte, fo fchien der menfeh dennoch 
oft mit ihnen, als wären fie belebt, umzugehen und 
aus diefer Vertraulichkeit giengen perfon ificationen hervor, 
welche z. b. auf den pflüg, das Ichwert, das fchif natür 
liches gefchlecht zu übertragen geftalteten. Ja, der 
ausdruck des grainmatifchen genus wurde bisweilen 
durch jene praefixe herr und frau (f. 346) gefteigert; 
niemals aber können folche epitheta den fubft., welche 
ich hier abftracle nenne, zu theil werden, fie find kei 
ner andern belebung fähig als etwa einer fpäteren, 
allegorifchen (f. 356)* Die Jftnnlichen fubftantiva, obwohl 
gleich allen andern Wörtern aus verbis erwachten, 
verbergen uns ihren urfprung in einem weit höheren 
grade, als die abftracten, deren bildung und ableitung 
häufig ganz offenbar ift. Dort machten lieh nur fparfame 
ableitungen bemerkbar, IL bei rührigen Werkzeugen 
(f. 47l), ING bei nainen der äpfel (f. 376), der fcliwerte 
(f* 44l), zuweilen des backwerks (f. 462) ^ beides deriva- 
tionen, die bei abftracten gegenftänden kaum, oder nie
        

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