Full text: Deutsche Grammatik. - Teil 3

III. genus. grammatijches. perfonißcation. 355 
10. Nach dem lat. fatum ift uns jetzt das /chicl/al 
ein neutrales, abilractes ding; die einbildungskraft unte 
rer Vorfahren war auch hier lebendiger, und hatte den 
namen nicht von dem ausfpruch der höheren wefen, 
fondern von ihnen felbft entlehnt. Das fatum hieß altf. 
wurth (fein.) agf. vyrd (fern.) und iie nimmt, gleich, 
dem tod, die menichen dahin. Hel. 66, 18. In der 
Edda ift alles weit mehr ausgeführt und UrlSr nur die 
eine von drei fchickfalsjungfrauen, die beiden andern 
werden V^erlScindi und Skuld genannt. Zufaminen 
heißen fie nornir. Vergleichbar lind die lat. parca, 
die gr. jKj/p, MoIqu und Aha, lauter weibliche wefen. 
Diefe beifpiele von Wörtern, deren grainmatifches 
genus, wie ich glaube, bloß durch die annahme einer 
vorgegangenen perfonificierung begreiflich wird , mögen 
genügen. Sie ließen lieh noch durch andere benen- 
nungen der tliiere, gewächfe, elemenie und naturer- 
Icheinungen leicht vermeliren, das genus von Jchwan, 
eiche, fommer und winter, fchnee, regen, Winds 
braut u. f. w. könnte gleichfalls in jeder fprache auf 
inythifchen vorftellungen der Volker beruhen *). Es 
ift jedoch fchwer, die grenze zwifchen wirklich ein 
tretender perfonification und bloß grammatiiehem ge- 
fchlecht für alle einzelnen falle zu ziehen. Wollte 
aber jemand einwenden, auch in den eben erläuterten 
fei nicht das genus durch den Volksglauben beftimint, 
fondern umgedreht der mylhus erft durch das genus 
der Wörter erzeugt worden; fo nimmt das eine erklä- 
rung weg, ohne eine andere dafür zu geben und wi- 
derltrebt der anlicht, die man hell von der nalur und 
dem wefen echter volksinythen zu bilden befugt ift. 
Es hat mehr für lieh, das wort aus der läge zu deu 
ten, als die läge aus tiein wort. Nicht dem dunkel 
der äfteTten, fondern erlt einer fpäteren, nüchternen 
zeit gehört die allegorifche belebung einzelner Wörter 
an. Ich will auch von ihr einiges beibringen. 
Unfere heutigen dichter pflegen alle fähigkeiten der 
menfchlichen feele, alle lugenden und lafter, alle künfle 
und wilfenfchaflen hch weiblich vorzuftellen, und von 
mahlern oder bildhauern werden folche abitractionen 
*) bei der abhandlung des grammatifchen genus werde ich 
viele ausnahmeii von den regeln bloß aus der mythologie er 
klären. 
z 2
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.