Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
RECHT UND LINK 
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und sie strebten vorwärts gegen westen. Die früher ausgezognen Rö- 984 
mer und bis ans äuszerste ende des welttheils gelangten Kelten hatten 
den alten brauch entweder beibehalten oder im neuen, festen Wohn 
sitz wieder angenommen. 
Lege man aus wie man wolle, worauf es mir ankommt ist, dasz 
gleich den Griechen auch die barbaren die rechte seite für die glück 
hafte hielten; an welche Völker Cicero dabei dachte ist uns freilich 
verborgen. Unser einheimisches alterthum gewährt folgende Zeugnisse, 
bei Burcard von Worms (um 1025) heiszt es p. 198 c : credidisti quod 
quidam credere solent, dum iter aliquod faciunt, si cornicula ex sini— 
stra eorum in dexteram (das homerische tni degid) illis cantaverit, 
inde se sperant habere prosperum iter. bei Petrus blesensis ep. 65 
(f um 1200): de jocundo gloriantur hospitio, si a sinistra in dextram 
avis sancti Martini volaverit. dies ist weder keltisch noch römisch, 985 
sondern deutsch, und uralter thiersage gemäsz. dem Tibert begegnet 
l’oisel saint Martin, assez si le liucha k destre, et li oisiax vint ä se- 
nestre. Ren. 10473, er wollte ihn rechts locken, aber das vöglein 
flog links, in übler Vorbedeutung, dasselbe wird Reinaert 1051—1054 
erzählt, und musz tief in der fabel gegründet sein, auch im Cid heiszt 
es gleich eingangs: 
a la exida de Vivar ovieron la corneja diestra, 
e entrando a Burgos ovieron la siniestra, 
das erste Vorzeichen war günstig, das andere unheilvoll. Olaf Trygg- 
vason beachtete, ob die krähe auf ihrem rechten oder linken fusz stand, 
und weissagte sich daraus gutes oder böses. Auch Hartlieb (mythol. 
s. 1083) erklärt das fliegen zur rechten hand für glücklich, das zur 
linken für unglücklich, der adler müsse dem reisenden taschenhalb 
fliegen’, d. i. wieder zur rechten, vgl. ecbasis 335 von einem hirten: 
capsidile suo gestabat in inguine dextro; c in die taschen mähen 5 sagt 
man in Baiern, wenn der immer von der rechten zur linken mähende 
mäher sich umkehrt und in entgegengesetzter richtung zurück mäht 
(Schm. 1, 459.)* * Der gemeine mann in Baiern und der Schweiz 
denkt sich Süden voran, norden hinten (Schm. 2, 704. Stald. dial. 
234); der Oberpfälzer setzt zur betheurung stral, blitz immer noch 
'hintane 5 ! (Schm. 2, 217), womit ausgedrückt wird, dasz der blitz— 
für die menschen links, saszen nun die götter im norden, so wäre ihnen der 
westen rechts, der osten links gewesen (womit Varro bei Festus s. v. sinistrae 
aves stimmt) und die menschen hätten den standpunct von siiden gegen norden 
zu nehmen, vgl. Niebuhrs röm. gesch. 2, 701. 702 Hermanns gottesd. alt. s. 185. 
O. Müllers Etrusker 2, 128. 129. diesen beiden deutungen gemäsz wären die 
östlichen vögel die heilbringenden, nach meiner die nördlichen. Merkwürdig ist, 
dasz gleich den Griechen und Germanen auch die Aegypter den standpunct von 
osten aus nahmen: ^4iyvnnoi yd.Q oi'ovrcu r« fiev ecya rov xoo/uov tcqoow- 
nov elvai, t« Se itgos ßoQQciv Se£id, rd Se tcqos votov aQiorega. Plut. de 
Iside 32. 
* auch auf der insei Gothland gilt eine benennung der rechten seite nach 
demmähen : hafdum, den högra sidan, der man vid slätter hugger in med lian ; 
den motsatta kallas äutränningi (ütrenningi.) Almqvist s. 427 b . 
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