Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

© Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
XXXIX. 
DER DUALIS. 
966 Es ist eine schöne in den neueren sprachen entbehrte eigen- 
schaft der älteren, die sinnlich wahrnehmbare zweiheit durch beson 
dere formen auszudrücken, auf die vollkommenste weise geschieht es, 
wenn sie zugleich am nomen und vcrbum hervortreten, wie in der 
griechischen spräche; höchst lebendig mahlt das ooot (putivw d'iuei- 
ad~7]v II. 17, 679. tm dt ol oaot Xaf.miod'rjv 11. 15, 607. 19, 365. 
Für unsre Sprachgeschichte hat es nun groszen werth, dasz auszer 
dem sanskrit und griechischen auch das litthauische und altslavische 
dieser beiden dualgestalten allenthalben mächtig erscheint, während sie 
bereits im altdeutschen aussterben, im latein beinahe, im keltischen 
völlig erloschen sind, allein auch die griecli. duale beginnen schon 
sich mit pluralen zu mischen und ihnen allmälich zu weichen; ‘im 
neuen testament fand Ulfdas gar kein vorbild mehr* für seine gotli. 
duale, die desto echter im gotli. hafteten, die heutigen slavischen 
dialecte, mit einziger ausnahme des slovenischen, haben dem dual ent 
sagt und nur einzelne Überreste davon behalten; in der litlhauischen 
mundart dauert »er, in der lettischen und preuszischen hat er aufge^ 
hört. Bei uns steht unter den Schriftsprachen der verbaldualis blosz 
der gothischen zu gebot; den nominalen besitzt sie, gleich allen tibri- 
967gen, weder in subst. noch adj., blosz im persönlichen pronomen; ein 
zelne volksmundarten bewahren merkwürdige spur von beiden. 
Ich will zuerst den verbalen dualis, dann den nominalen be 
handeln. 
Dasz die gotli. spräche dem dualis praet. im starken verbum den 
ablaut des pluralis, im schwachen das DfiD des pluralis verleihe, ist 
schon s. 879 gesagt worden. 
Die gothische dualtlexion selbst erstreckt sich überall nur auf die 
erste und zweite person und ist für die dritte nicht mehr vorhanden, 
welche sich des plurals bedienen musz. dem gr. activum fehlt liinge- 
* im griecli. N. T. kein dualis, vgl. VViners grammatik auQ. 3. p. 150.
	        

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