Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

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hand; ich finde aber auch, dasz die Niedersachsen im 16 jh. den 
Hessen den beinamen ‘Hundhessen* ertheilten, was man auf den hund 
ähnlichen löwen der hessischen fahne bezog*, ein müller zu Afloltern 
nannte die hessischen Soldaten im j. 1622 ‘blinde hundehessen, 
Schelme, diebe und räuber.* ** Süddeutschen und Schweizern müssen 
die Schwaben herhalten: ‘blinder Schwab* ist schweizerisches Sprich 
wort (Kirchhofer s. 94.) ‘ei ist es wahr*, heiszt es in Nefflens vetter 
aus Schwaben s. 166, ‘dasz die bauern in Schwaben zehn tage blind 
bleiben nach der gebürt? mein groszvater sagte mirs, er war in 
Schwaben einmal gar lange im quartier.* Leonh. Thurneiser, der be 
kannte Baseler arzt, schreibt 3, 147 (im j. 1584): ‘schwebische art; 
welche geschlecht der menschen nach der gebürt, wie man vermeint, 
neun tage als die hunde blind ligen sollen.* Was so tief in scherz 
und ernst des volks wurzelt, kann nicht anders sein als uralt, und 
ich zweifle nicht, dasz im dreizehnten und neunten jh. dieselben 
redensarten, vielleicht nur verschieden gewendet und ausführlicher 
entwickelt aus dem munde der leute giengen. 
Wie sie nun deuten? schon Möser läszt die frage aufwerfen 
567 und nicht uneben beantworten ***. es konnte selbst Römern, die 
den namen Chatli oder Catti hörten, einfallen ihn mit catus, catulus, 
catellus und catta zu vergleichen (s. 38. 39); ich weisz nicht, wann 
zuerst in unserm mittelalter aus Melibocus, bei Ptolemaeus to MrjU- 
ßoxov oqoq, die Vorstellung Cattimelibocus und der deutsche namc 
der grafen von Katzenellenbogen sich erzeugte, in deren gebiet ein 
Malchenberg (mallobergus) diese anwendung erleichterte, in deren 
fahne, wie in allen hessischen, der löwenhund war f. Dieser einklang 
erklärt aber blosz den hessischen namen, nicht den schwäbischen, 
es ist an sich völlig unwahrscheinlich, dasz aus dem lateinischen 
witz die deutsche sage und schelte, die Schwaben und Hessen in 
gemeinschaft schon auf sich nehmen dürfen, entsprungen sei. 
* Liintzels hildesheimische stiftsfehde s. 36. 38. 39. 
** Rommels liess. geschichte 7, 202. 
*** Mösers werke 5, 26: ich weisz nicht wie die rede eben auf die blinden 
Hessen fiel, als jemand fragte, woher es doch in aller weit kommen möchte, 
dasz man die Hessen blind nennt, da doch diese nation gewis eine der scharf 
sichtigsten in Deutschland sei? ‘o’ rief der alte Präsident von Z... aus, das 
will ich ihnen wol sagen: die Hessen hieszen elimals Ratten oder Khazzen, 
woraus zuletzt Hessen geworden; und es ist sicher eine anspielung auf die 
blinde gebürt der katzen, dasz man die Hessen mit jenem sobriket beehrt hat, 
welches itzt, da die Hessen nicht mehr Khazzen heiszen, ganz wegfallen sollte. 
Wahrscheinlich haben die Cherusker, die mit den Ratten in beständigem kriege 
lebten, jenes sobriket zuerst aufgebracht.* 
t oder auch katze (Zeitschrift des liess. Vereins 4, 13.) Heinrich I erscheint 
in der zweiten hälfte des eilften jh. als ältester graf von Katzenellenbogen; eines 
seiner nachfolger gedenkt Walther von der Vogelweide 81, 6. Übergang aus dem 
M in N war natürlich und gebirgsgestalten nach thieren zu benennen üblich. 
Riihs in seiner gesell, des mittelalters s. 621 versichert höchst naiv: der name 
kommt nicht von den Chatten, sondern von dem alten schlosz Katzenellenbogen, 
das ist als behauptete man, der name Böhmen komme von Bojohemum, nicht 
von den Bojen. 
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