Full text: Geschichte der deutschen Sprache. - Band 1 und 2

sches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L77 
92 RECHT UND SITTE 
130 Die gröszere kraft des familienrechts bei den alten geht schon 
aus dem reichthum der spräche an ausdrücken für alle stufen der Ver 
wandtschaft hervor; es würde allzuviel raum kosten, wollte ich meine 
samlungfen einschalten: über die namen des groszvalers und urgroszva- 
ters habe ich einmal in Haupts Zeitschrift 1, 21—26 geschrieben, von 
den seitenverwandten und Verschwägerungen wäre noch viel mehr bei 
zubringen. auch hier wird die deutsche spräche an fülle der benen- 
nungen von der slavischen, litthauischen, finnischen weit übertroflen, 
weil diese später gebildeten Völker den brauch des alterthums länger 
bewahrten, die alte sippe und magschaft, welche ein recht des kus- 
ses, der trauer, des namengebens, der eidhülfe, blutrache und erbschaft 
begründete, hütete streng ihren hergebrachten brauch; als dieser ver 
altete, wurden auch die vielfachen benennungen entbehrlich und gien- 
gen in allgemeinheit unter, auch die erzieher und ammen hatten 
gröszere befugnis als ihnen die jüngere zeit einräumt; ich will mich hier 
darauf einschränken die freundschaft und brüderschaft näher zu schildern. 
Den Serben heiszt der angenommne sohn posinak und adoptieren 
posiniti, gerade wie pobratim und posestrima die aufgenommnen bru- 
der und Schwester ausdrücken, pobralitise, posestrilise sich verbrüdern, 
verschwistern; böhm. pobratriti se, poln. pobratac sie; diese Verbrü 
derung und verschwisterung begründet blosz ein Verhältnis zwischen 
freunden und greift nicht in die Verwandtschaft der geschlechler ein, 
aber allen Slaven war sie heilig, zumal den südlichen, einen pobra 
tim kann man sich sogar schlafend im träum erwählen, wachend aber 
pflegt es feierlich in der kirche vor allem volk zu geschehn; ein sol 
cher bund dauert für das ganze leben und verpflichtet beide brüder 
zu wechselseitigem beistand und zur blutrache: wahrscheinlich galten 
im heidenlhum fiir den eingang des pobratimstvo heilige bräuche, an 
deren stelle jener kirchliche getreten ist. Aüch die geisterhafte vila 
konnte posestrima eines beiden werden und schützte ihn dann in jeder 
131 gefahr. eine solche vila war mit Marko Kraljavitsch verschwistert.* 
dieser bund gleicht bedeutsam dem der valkyrien unsers alterthums 
mit den helden.** 
Unsere heutige spräche kennt noch die namen milchbrilder, bluts- 
brüder und herzbrüder für engverbundne freunde; sie waren sich ein 
ander zugethan, als ob sie Zwillinge gewesen wären und milch aus 
einer mutter brust gesogen hätten, ihr blut für einander hinzugeben 
sind sie bereit, in den märchen leben beispiele solcher milchbrüder, 
die ähnliche namen führen, sich von gestalt so gleich sind, dasz sie 
nicht unterschieden werden können, und ihrer kinder blut zur heilung 
des aussatzes darbringen; ein altes Zeichen verbrüderter war, dasz sie 
ein naktes schwert zwischen sich und die frau oder geliebte des 
freundes legten. 
* Vuk 2 n° 38; eine andre verschwisterung der vila bei Vuk 1 n° 224. 
** die brüderschaft der Tscherkessen, welche tleusch genannt wird, beschreibt 
Klemm 4, 61. 62.
	        

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