Full text: Die Sage vom Ursprung der Christusbilder

Hessisches Staatsarchiv Marburg, Best. 340 Grimm Nr. L 44 
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Zur Zeit der Apostel waren keine Bildnisse Christi vorhanden. Den Ju 
den waren die bildende Künste und ihre Werke untersagt, und man empfand 
eine Scheu davor, weil man glaubte dafs sie zu Abgöttereien verleiten könn 
ten. Diese Ansicht mochte den jüdischen Anhängern Christi geblieben sein; 
auch würden sie, wenn sie nach einem Bilde Christi Verlangen getragen hät 
ten, keinen Künstler in ihrem Volke gefunden haben, der im Stande gewesen 
wäre es zu verfertigen. Bei den ältesten Kirchenvätern erscheint keine Hin 
deutung darauf, nicht einmal eine Überlieferung von der Gestalt Christi. 
Vielmehr herrschte bei ihnen eine ganz entgegengesetzte Ansicht. Die älte 
ren, Justin der Märtyrer (geb. 89), Clemens von Alexandrien, (*j* vor 218), 
Tertullian (•{*220), glaubten, durch eine Stelle bei Jesaias (52,14) veranlafst, 
Christus sei klein und ungestalt gewesen, und von niedrigem Ansehen. Ori 
gines (*j* 253) ist der Meinung, Christus habe gar keine bestimmte Gestalt ge 
habt, sondern sei jedem so erschienen, wie es sein Begriff und sein Bestes 
verlangt habe: man könne sagen er habe weder Gestalt noch Schönheit ge 
habt, sei aber zuweilen in einem so herrlichen und bewunderungswürdigen 
Zustand erschienen, dafs die drei Apostel, die mit ihm auf dem Berge gewe 
sen, bei dem Anblick seiner Schönheit auf ihr Gesicht niedergefallen wären. 
Dagegen behauptet der spätere Chrysostomus (*j* 407), indem er sich auf 
Psalm 45, 3.4 stützt, wo es heifst 'du bist der Schönste von allen Menschen 
kindern’, Christus sei voll der gröfsten Holdseligkeit gewesen, und wenn Je 
saias ihm Schönheit abspreche, so beziehe sich das blofs auf die Mishandlung, 
die er, am Kreuze hängend, ertragen, und auf die Erniedrigung, die er sein 
ganzes Leben hindurch erduldet habe. Auch Hieronymus ( , f , 420) sagt dafs 
Christus in dem Gesicht und in den Augen etwas Himmlisches gehabt, aus 
denen der Glanz und die Majestät der verborgenen Gottheit geleuchtet habe. 
Man bezieht es auf alte Überlieferungen der Juden wenn der Rabbi Abarba- 
nel noch gegen das Ende des fünfzehnten Jahrhunderts behauptet Jesus sei 
ein schöner und blühender Jüngling gewesen. 
Dieser Widerwille gegen Bilder konnte bei einem Volk, das die Kunst 
längst gehegt hatte, dem sie ein Bedürfnis war, nicht statt finden: am wenig 
sten bei den Griechen, die das Christenthum angenommen hatten. Ihnen 
war aber die Ausübung der Kunst streng untersagt, weil man Misbrauch 
befürchtete, und Künstler, die sich mit der Verfertigung von Bildern be 
schäftigten, sollten wie Leute verabscheut werden, die ein schändliches Ge- 
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