Full text: Manuscripta medica

EINLEITUNG 
Der Bestand an medizinischen Handschriften der Murhardschen Bibliothek der Stadt 
Kassel und Landesbibliothek ist bisher von der Wissenschaft kaum beachtet worden. 
Im Initienverzeichnis von Thorndike/Kibre wird eine einzige Handschrift aufgeführt, 
und die noch unvollständig und mit falscher Lesung. In Sudhoffs Archiv ist einiges 
Wenige erschienen; hie und da finden sich in der Literatur ein paar Hinweise. Das ist 
gewiß bei diesem in vielen Stücken doch sehr wertvollen Bestand erstaunlich und be- 
dauerlich; für den Handschriftenbearbeiter hingegen stellt dieser Umstand eine unge- 
wöhnlich reizvolle Aufgabe dar, hat er es doch mit einem Material zu tun, auf dem 
gewissermaßen noch der Staub von Jahrhunderten lagert. So geht seine Arbeit hier 
zwangsläufig über die des Inventarisierens hinaus: die Schätze, die geordnet werden 
sollen, müssen meist erst als solche erkannt und dann gehoben werden. 
Bei den lateinischen schulmedizinischen Texten ist das procedere zwar nicht einfacher, 
aber doch schon länger erprobt. Die landessprachlichen wollen anders behandelt wer- 
den. Die nichtlateinische medizinische, pharmazeutische oder astrologische Fachprosa 
ist vom Zeitpunkt ihrer Umsetzung in eine Landessprache an eigenen Gesetzen unter- 
worfen. Texte lösen sich auf, werden neu zusammengesetzt, verschliffen, umgedeutet 
und sind so oft kaum noch zu identifizieren, zeugen dafür aber von einer zum Teil 
erstaunlichen Lebensfähigkeit. Den Weg und das Schicksal dieser Rezepte und Rezept- 
gruppen zu verfolgen, ist eine nicht unwesentliche Aufgabe, die sich die moderne Fach- 
prosaforschung gestellt hat - nicht oder nicht nur um der Rezepte willen, sondern um 
die wissenschaftliche Kommunikation jener Zeit aufzuzeigen. Was aber fängt ein Dok- 
torand beispielsweise, der Parallelüberlieferungen zu bestimmten Texten sucht, mit 
einem Hinweis in einem Katalog an, der ihm wohl Auskunft darüber gibt, daß an dieser 
oder jener Stelle Rezepte etwa gegen Kopfschmerz zu finden sind, der ihm aber nicht 
verrät, wie sie aussehen, wie sie anfangen. Das fast immer zufällige Initium einer 
Rezeptsammlung nützt ihm nichts, da sich jeder Wundarzt aus überkommenem Mate- 
rial eigene Rezeptare schuf. Der Benutzer braucht den Zugang zu den Rezepten selbst, 
er braucht die Initien der einzelnen Rezepte. Selbstverständlich gilt dies nicht für kleine 
oder sonst unbedeutende Texte. In dem von der DF G geförderten Katalogisierungspro- 
gramm hat zuerst Andräs Vizkelety folgenden Weg eingeschlagen: er legte ein eigenes 
Register für Rezeptinitien an und ordnete das Material nach dem ersten Ingrediens. 
XI
	        

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