Full text: Geschichte der St. Blasii-Kirche zu Münden

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Jungen durch Gebrüll zum Leben erweckend. Die steinen Flächen an den Ecken des 
Thürrahmens werden von den Atlributcn der vier Evangelisten ausgefüllt. Die vier 
Füllungen der Thür sind zur Aufnahme der Hauptdarstellungen bestimmt. Oben zur 
Rechten sieht man den Gekreuzigten, neben dem Kreuze die Mutter des Heilandes und 
ihr gegenüber den Lieblingsjünger Johannes. Oberhalb des Ouerbalkcns aber Sonne 
und Mond Unten zur Linken ist in reicher Compvsition Christus mit der Sieges 
fahne in der Vorhölle zur Anschauung gebracht. 
Diese hat — nach mittelalterlicher Darstcllnngsweisc — die Gestalt einer mit 
Thürmen und Zinnen ausgestatteten Burg. Dem geöffneten Thore nähert sich Adam, 
welchen Christus mit der 3 f icdiicn am Arme erfaßt; hinter Adam sind Eva und 
einige andere unbekleidete Personen bemerkbar. Neben dem Thore ist ein Einblick irr 
das Innere der Hölle gegeben, jene launige Auffassung zeigend, die bei den Künstlern 
des Mittelalters, selbst in ihren zum kirchlichen Gebrauch bestimmten Arbeiten, nicht 
selten sich kund giebt. 
Unten links schaut über einem flammenden Feuer eine Gruppe von Köpfen aus 
einem Schlunde hervor; rechts daneben sitzen, wie besonders zum Schmoren bestimmt, 
in einem breiten großen Topfe: Papst, Jude und Kaiser. 
Ueber ihnen trägt ein Teufelchen einen armen Sünder herbei, um ihn der Höllcn- 
gluth zu überliefern, während ein anderer Teufclsgeselle zu dessen Empfang mit einem 
zweizinkigcn Feuerhaken sich anschickt; ganz oben aber des Höllenreiches Oberhaupt 
sich niedergelassen hat und, die Hände aufs Knie gelegt, behaglich zuschaut. 
Tie Füllung unten rechts enthält die Auferstehung. Christus, mit der Rechten 
segnend, in der Linken die in drei Läppchen ausgehende Kreuzesfahne haltend, entsteigt 
dem kistenförmigen Grabe, dessen mit drei Kreuzen bezeichneter Deckel seitwärts an- 
gelebnt ist. Zwei Engel, je ein Rauchfaß schwingend, nahen sich dem Heiland. An 
der Vorderwand des Grabes kauern zwei Wächter, wohl absichtlich sehr klein gehalten, 
um die Figur des Heilandes um so bedeutender erscheinen zu lassen. 
In der vierten Füllung oben links thront Christus, von der Mandoria um 
geben, auf dem Regenbogen, über seinem Haupte schwebt die den heiligen Geist ver 
sinnbildlichende Taube. 
Die vier Winkel der'Füllung werden von Engeln eingenommen, von welchen 
die beiden oberen Posaunenwcrkzeuge halten, die beiden unteren durch Posauncnschall 
zur Auferstehung rufen 
Die am obern Rande der Thür stehenden lateinischen Verse in erhaben gearbeiteter 
Schrift besagen in Bezug auf die Bestimmung der Nische zur Aufbewahrung dcö 
Allcrheiligsten, daß „wer vorüber gehe, ohne zu wissen, was in diesem Schränkchen 
ruhe, vor ihm sich verneigen möge, um des Leibes Christi willen." 
Eine zweite aber gravirte Inschrift am untern Rande der Thür — schwer zu 
entziffern — spricht den Wunsch aus: ..Gott möge der Seelen pflegen, die hier heft 
gchulpen und geben." 
Diese Bronzethür, als ein besonders hochgeschätztes alterthümliches Kunstwerk, 
wollte man früher immer gern für das Museum in Hannover ankaufen und hätte 
dieselbe gern mit ein paar hundert Thalern bezahlt, allein man wollte das Kunstwerk 
von Seiten unsers Magistrats nicht abgeben, sondern es — wie auch ganz löblich — 
als ein vortreffliches Stück alter Kunst aus unserer Kirche nicht veräußern. 
Kunstkenner versetzen den Guß dieser Thür in's Ende des 13. oder gleich in 
den Anfang des 14. Jahrhunderts. 
Man konnte indeß dem Conservateur des Museums zu Hannover die Bitte 
nicht abschlagen, daß man diese Bronzethür auf seine Gefahr und Kosten, mit Be 
willigung des hiesigen Magistrats, auf einige Monate nach Hannover sandte, um 
von derselben Gypsabgüsse verfertigen zu lassen.
	        

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