Full text: Leben Raphaels. - Erstes Kapitel, letzte Fassung. Mit inliegenden Probedruckseiten.

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herrlichen beschloß. Giovanni´s Gedicht ist heute in Besitz der Vaticani-
schen Bibliothek. Der Herzog war schon todt als das langathmige Werk
zum Abschlusse kam, und der Meister, selber dicht vor dem eigenen Ende,
konnte seine Verse nur Feberigo´s Sohne und Nachfolger Guidobaldo
überreichen.
       In der Vorrede zu diesem Gedichte, das bis jetzt nur in wenigen
Bruchstücken gedruckt worden ist, spricht Giovanni Santi von sich und
seinen Schicksalen: dies ist eins der vornehmsten Altenstücke, aus dem wir
Raphael´s Familie kennen lernen. Die Santi waren auf Sparsamkeit
angewiesen, aber nicht arm. Die beiden (zu einem einzigen vereinigten)
Häuschen, in denen Giovanni wohnte, stehen, durch eine Inschrift aus-
gezeichnet, in ihrer engen Straße heute noch. Eine Madonna mit dem
Kinde, die er darin auf der Wand malte, ist noch vorhanden und wird
als ein Abbild des kleinen Raphael auf dem Schoße seiner Mutter
Magia verehrt, ein Cultus, dem selbst harte neuere Kritiker sich nicht zu
entziehen vermochten. Früher wurde geglaubt, das Gemälde rühre von
Raphael selbst her, der als Kind sich hier zuerst versucht hätte.
  Giovanni erzählt auch, wo er zur Kunst gekommen sei. Die Be-
wirthschaftung des kleinen Gutes, das die Familie besaß, brachte deren
Unterhalt nicht mehr auf. Ein Brand im Hause hatte Schaden gethan.
Schon im reiferen Alter entschloß er sich jetzt, Maler zu werden, weil
er Gewinn von dem neuergriffenen Gewerbe erwartete, der auch nicht
ausblieb. Zahlreiche Werke sind von ihm in Urbino und der Nachbar-
schaft geschaffen worden, von denen Vieles erhalten blieb. Aus kurz
nach Giovanni´s Tode geschriebenen Briefe der Herzogin, lernen wir
ihn als einen bei Hofe geschätzen Portraitmaler kennen. Ich würde auch
heute so urtheilen. Das in Berlin vorhandene große Gemälde zeigt neben
den darauf befindlichen wenig anziehenden Heiligenfiguren die Stifter des
Werkes: offenbar sind diese der beste und lebendigste Theil der Arbeit.
Als Schöpfer idealer Werke wird Giovanni wohl überschätzt. Nachdem
ihm von Basari in der ersten Auflage seines Werkes das Attribut "unter-
mittelmäßig" ertheilt, und dieses harte Urtheil in der zweiten dann nur
wenig gemildert worden war, hat Giovanni heute dagegen warme Freunde
gefunden. Ich kenne nichts von ihm, das mehr als gewissenhafte Nach-
ahmung vorhandener Muster verriethe. Er hatte jedoch eine hoche Meinung
von seiner Kunst und spricht in seinem Gedichte von den gleichzeitigen
Meistern mit Kenntnis und Verehrung, von denen er zumal Melozzo da
Forst (fast scheint es so) als persönlichen Freund nennt. Melozzo war der
größte Schüler des Piero della Francesca, dieses kraftvollen Nachahmers
der Natur, der außerhalb Florenz und ohne Rücksicht auf florentinische

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