Volltext: Kinder- und Haus-Märchen (Bd. 2)

Mann." „W-rnach horchst du denn?" „Was in der Welt sich 
eben zutragt, denn ich höre alles, sogar das Gras höre ich wach 
sen " Fragte der Königsfehn: „sag mir, was hörst du am Host 
der alten Königin, welche die schöne Tochter hat." Da antwor 
tete er: „ich höre das Schwert sausen, das einem Freier den 
Kopf abschlägt." Der Königssohn sprach: „ich kann dich brau 
chen, komm mit mir." Da zogen sie weiter und sahen einmal 
ein paar Füße da liegen und auch etwas von den Beinen, aber 
Das Ende konnten sie nicht sehen; als sie nun eine gute Strecke 
fortgegangen, kamen sie zu dem Leib und endlich auch zu dem 
Kopf. „Ei, sprach der Königssohn, was bist du für ein langer 
Strick!" „O, antwortete der Lange, das ist noch gar nichts, 
wenn ich mich erst recht ausstrecke, bin ich noch dreitausendmal so 
kang und größer, als der höchste Berg auf Erden. Ich will euch 
gerne dienen, wenn ihr mich wollt." „Komm mit, sprach der 
Königssohn, ich kann dich brauchen." Sie zogen weiter und fan 
den einen am Weg sitzen, der hatte die Rügen zugebunden. Sprach 
der Königssohn zu ihm: „bist du blind oder hast du blöde Rügen, 
daß du nicht kannst in das Licht sehen?" „Nein, antwortete der 
Mann, ich darf die Binde nicht abnehmen, denn was ich mit mei 
nen Rügen ansehe, das springt aus einander, so eine große Ge 
walt steckt darin. Kann euch das nützen, so will ich euch gern 
dienen." „Komm mit, antwortete der Königssohn, ich kann dich 
brauchen." Sie zogen weiter und fanden einen Mann, der lag 
mitten r'm heißen Sonnenschein, und zitterte und fror am ganzen 
Leibe, so daß ihm kein Glied still stand. „Wie kannst du nur ss 
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— 255 — 4\ ftjeren, sprach der Königssohn, die Sonne scheint ja so warm?" „Ach, antwortete der Mann, je heißer es ist, destomehr frier ich und der Frost dringt mir dann durch alle Knochen, und je kälter es ist, desto heißer wird mir und mitten im Eis kann ichs vor Hitze und mitten im Feuer vor Kälte nicht aushalten." „Du bist ein wunderlicher Kerl, sprach der Königssohn, aber wenn du mir ! tfenen willst, so komm mit." Nun zogen sie weiter und sahen einen Mann stehen, der machte einen langen Hals und schaute um sich und über alle Berge hinaus. Sprach der Königssohn: „wornach siehst du so eifrig?" Da antwortete der Mann: „ich habe so helle Augen, daß ich über die Wälder und Felder, Thä ler und Berge hinaus und durch die ganze Welt sehen kann." Der Königssohn sprach: „willst du, so komm mit mir, denn so einer fehlte mir noch." Nun zog der Königssohn mit seinen sechs Dienern in die Stadt rin, wo die schöne und gefährliche Jungfrau lebte, ging zu der alten Königin und sprach: „ so ihr mir eure Tochter geben wollt, will ich vollbringen, was ihr auferlegt." „Ja, antwortete die Zauberin, dreimal will ich dir einen Bund aufgeben, lösest du ihn jedesmal, so sollst du der Herr und Gemahl meiner Tochter werden." Sprach er: „was wollt ihr mir zuerst aufgeben?" „Daß du mir einen Ring wiederbringst, den ich ins rothe Meer habe fallen lassen." Da ging der Königssohn heim zu seinen Dienern und sprach: „der erste Bund ist rncht leicht, ein Ring soll aus dem rothen Meer geholt werden, nun schafft Rath." Da sprach der mit den hellen Augen: „ich will sehen, wo er te tu- MWI
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