Rügentensuche Einmarsch der Preußen 16. Juni
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den Bundestag dem Protest der kurfürstlichen Regierung gegen die preu
ßische Vergewaltigung unumwunden an.
Kaum hatten die letzten hessischen Truppen Cassel verlassen, so
begannen die Verbündeten der Preußen im Lande wieder ihre kaum
unterbrochene Maulwurfstätigkeit. Nachdem Bismarcks Versuch, den
hessischen Thronfolger zu einer preußischen Regentschaft in Hessen zu
gewinnen, gescheitert war, wandte er sich an eine Stelle, wo er der
Hilfe sicherer sein konnte. Am 17. Juni erschien der preußische Ministerial
rat Max D u n ck e r als preußischer Geheimagent in Cassel, um im Auf
trag Bismarcks mit Oetker zu beraten, wen man einstweilen an Stelle
des Kurfürsten setzen solle. Natürlich mußte das nach Oetkers Ansicht
ein gutgesinnter Verfassungsmann sein. Er machte sich also gleich auf
die „Regentensuche", aber merkwürdigerweise wollte keiner der Kandi
daten, weder Wiegand, noch Bischoffshausen, noch W. v. Schenk das
Risiko übernehmen, da man doch noch nicht genau wissen könne, „wie
der Hase laufe". Also beschlossen die „hessischen Patrioten" (so nennt
sie Duncker) der Sicherheit halber erst die Ankunft der preußischen
Truppen abzuwarten.
Diese hatten von ihrem im Hessischen enklavierten Feldlager bei
Wetzlar aus am Morgen des 16. Juni die kurhessische Grenze bei Fron
hausen überschritten und zogen, gegen 20000 Mann stark, unter dem
Divionsgeneral v. Beyer auf der Frankfurter Heerstraße nach Norden.
Überall, wohin sie kamen, verbreiteten sie auf kleinen Quartblättern
einen von dem General v. Beyer unterzeichneten Aufruf an die „Hessi
schen Brüder", ein merkwürdiges Manifest x ), wie es wohl noch nie an
die Bewohner eines Landes gerichtet wurde, dem man eben den Krieg
erklärt hatte. Nach einem Ausfall gegen die beklagenswerte Verblendung
der kurhessischen Regierung ließ der Verfasser (ein Hauptmann Blume,
der in aller Eile in Wetzlar die Redaktion besorgt hatte) darin den
General v. Beyer den Hessen versichern: „Wir wissen, daß Ihr Euch
nach glücklichern Tagen sehnt, und kommen zu Euch nicht als Feinde
und Eroberer, sondern um Euch die deutsche Bruderhand zu reichen."
Er forderte sie dann auf, diese Bruderhand anzunehmen und „nicht
länger der Stimme derer zu folgen, die Euch mit uns verfeinden möchten,
weil sie kein Herz für Euer Wohl und Deutschlands Ehre haben".
Das kurhessische Volk dieser Gegend, das seit hundert Jahren die
! ) Vollständig abgedruckt, wie die meisten in diesem Abschnitt erwähnten Akten
stücke und Dokumente in W. Hopfs „Die deutsche Krisis des Jahres 1866". 3. Aust.
Hannover 1906.