Full text: Adreß- u. Einwohnerbuch der Stadt Kassel sowie sämtlicher Ortschaften des Landkreises Kassel (Jg. 91.1927)

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1. Teil 
Kassel als Industrie- und Handelsplatz 
Von Handelskammersyndikus Dr. F. Halbleib-Kassel 
Wenn van Kassel die Rede ist, dann pflegt inan an seine land 
schaftlichen Reize zu denken; man erinnert sich mancher schönen 
Stunden, die man in seinen Mauern lind seiner herrlichen, 
Körper lind Geist kräftigenden Umgebuitg verbracht bat; von 
seiner Industrie und seinem Handel dagegen spricht man nreistcns 
nickt. Und doch ist Kassel ein Platz von nicht zu unterschätzender 
wirtschaftlicher Bedeutung, der den Glauben an eine machtvolle 
wirtschaftliche Weiterentwicklung immerdar hochgehalten hat lind 
arich in Zukunft nichts unversucht lassen will und darf, um feine 
Stellung im deutschen Wirtschaftsleben nicht nur zu behaupten, 
sondern immer inehr zu festigen. 
Die wirtschaftliche Entwicklling einer Stadt wie Kassel läßt 
sich erst dann völlig würdigen, wenn nran bedenkt, dab sie nicht, 
ivie zahlreiche andere Städte unseres Vaterlandes, in der Lage 
var, auf irgendivelchen gewaltigen Bodenschätzen eine Grob- 
ndustrie auszubauen. Bis zur Stunde nutf; sie trotz des Bor- 
landenseins natürlicher Poralissetzlmgen Sc» durch keinerlei 
Schranken unterbrochenen, das wirtschaftliche Leben der Stadt 
befruchtenden Grobschiffahrtsverkehr entbehren. Dagegen ivaren 
mancherlei Verkehrsniatznahmen auf dem Schieneniveg nur zu 
ehr geeignet, Kassels vollen! wirtschaftlichen Ausstieg hindernd 
in Wege za stehen. Heute mehr denn je bedarf es der be- 
tändigen Wachsamkeit und der hingebenden Arbeit aller am 
Zerkehr interessierten Kreise, um Schäden abzuwenden, die sich 
ns einer gewissen eisenbahnverkehrspolitischen Isolierung der 
tadt in den letzten Jahren zwangsläufig herausgebildet haben, 
edoch mancherlei Widerständen zum Trotz ist Kassels wirt- 
chaftliche Bedeutung gewachsen, zahlreiche seiner Industriezweige 
ind im Laufe der Jahre mellbekannt geworden. 
Bevor ivir uns Kassels Industrie und Handel im einzelnen 
»wenden, ist es wohl angebracht, über Kassels wirtschaftliche 
'ntivicklung einige allgemeine und grundsätzliche Bemerkungen 
orauszuschicken. Bon jeher ist Kassel vorzugsweise als eine 
i rtadt der Behörden und Beamten angesehen worden, was in- 
>Igc der geschichtlichen Entwicklung von der Hauptstadt eines 
lemals selbständigen deutschen Landes zu einer preussischen 
Kovinzialhauptstadt ohne weiteres verständlich ist. Kassel hat 
Kotz der Veränderungen, welche die Entwicklung zum grob- 
städtischen Gemeinwesen im ursächlichen Zusammenhang mit der 
»nehmenden Industrialisierung in dem Gesicht einer Stadt 
lirrvorruft, auch heute noch nicht ganz den Charakter einer 
Behördenstadt abgestreift. Die Provinzial- und Bezirks- 
Mhörden sind, ganz abgesehen davon, daß sie Kassel zum 
v> lttischen Mittelpunkt eines gröberen Gebiets machen, für die 
Htadt ein wirtschaftlicher Iaktor von nicht zu unterschätzender 
Wedeutung. Es ist daher auch begreiflich, dab die ins Auge 
gelabte Berlegung von Behörden und Gerichten, die von jeher 
W^u.^itz in Kassel haben, bei der gesamten Bevölkerung auf 
en schiedenen Widerspruch gestoben ist. Heute mehr denn je 
m»' die Stadt nach dem unglücklichen Ausgang des Krieges, 
der Kasseler Wirtschaft, insbesondere seiner Industrie, auber- 
'öhnlich schwere Wunden geschlagen hat, darauf bestehen, 
li nicht nur die ideellen, sondern auch die wirtschaftlichen 
—brte, die in der Tatsache, daß Kassel Sitz zahlreicher Be- 
W'dcn yt, begründet sind, nicht verloren gehen. 
M .p!r r unglückliche Ausgang des Krieges ist also letzten Endes 
öii Ursache einer ^eitweisen Unterbrechung einer zukunftsreichen 
Mmstriellcn Entwicklung innerhalb unseres städtischen Gemein- 
Mlens. Dab dieser Krieg Kassels Industrie so aubergewöhnlich 
Mwcr traf, hat seinen Grund darin, dab die „grobe Industrie" 
J '0 ' e la, wenn ivir sie einmal so nennen dürfen, wertvolle Ab- 
durch den Zusammenbruch von Einrichtungen verlor, 
^^vor dem Krieg für Deutschlands Grübe und Macht von 
Mä,erdender Bedeutung waren. Kassels Lokomotiv- und 
^Mnbahnwagenbau, seine Segeltuchindustrie — drei Industrie- 
die in mancherlei Beziehung für Kassels wirtschafts- 
Struktur typisch sind — waren in dem Augenblick, 
^MDeutschlands Heer und Marine der Vorkriegszeit zu be- 
aufgehört hatten und die Aufträge der Reichsbahn in 
Lokomotiven und Eisenbahnwagen auf ein Minimum zurück 
gingen, vor folgenschwere Tatsachen gestellt, die nicht ohne 
verhängnisvolle Auswirkungen sowohl für die einzelnen Betriebe 
selbst als auch die Weiterentwicklung des gesamten wirtschaft 
lichen Lebens unserer Stadt bleiben konnten. Man darf bei 
einer objektiven Schilderung der industriellen Verhältnisse Kassels 
an diesen ernsten Dingen nicht achtlos vorübergehen, geben sie 
doch, z. T. wenigstens, die Erklärung für die heutigen ivirt- 
schaftlichen Verhältnisse innerhalb der Stadtgrenzen. Zum 
anderen Teil aber verpflichten sie zur rastlosen Weiterarbeit mit 
dem Ziele, das — soweit übersehbar — endgültig Verlorene 
durch die bereits eingeleitete Umstellung auf andere Produktions 
zweige rvieder locltzumachcn. Und nun zu den einzelnen In 
dustrie- und Handelszweigen. 
Es ist selbstverständlich im Rahmen dieser Ausführungen 
unmöglich, jeden einzelnen in Kassel vertretenen Industrie- und 
Handelszweig in die nachstehende Darstellung aufzunehmen: 
wir müssen uns vielmehr, selbst auf die Gefahr hin, dab der 
Aubenstehende, der ihre Bedeutung nicht kennt, geneigt sein 
sollte, sie zu unterschätzen, darauf beschränken, einen Überblick 
über die für Kassel ausschlaggebenden Industrie- und Handels 
zweige — wobei wir den Rahmen allerdings ziemlich weit 
spannen — zu geben. 
Wenn eingangs gesagt wurde, daß Kassel und seine Um 
gebung keine Bodenschätze aufzuweisen haben, die für einen 
einzelnen Grobindustriezweig oder ganze Industriegruppen einen 
Standort abgeben, so bildet cs doch immerhin den Mittelpunkt 
zweier Rohttoffindustrien, die sich die Erschliebung von 
ganz verschiedenen Zwecken dienenden Bodenschätzen zum Ziele 
gesetzt haben. Der hessische Braunkohlenbergbau und 
die im Kasseler Bezirk liegenden erheblichen Kalivorkommen 
sind damit gemeint. Die während des Krieges einsetzende 
Kohlennot und der vorübergehende oder dauernde Verlust wert 
voller Kohlenvorkommen infolge des Versailler Vertrags haben 
dem hessischen Braunkohlenbergbau gröbere Absatzgebiete er 
schlossen. Immer mehr Industriebetriebe haben sich nach Lage 
der Verhältnisse gezwungen gesehen, Braunkohlen zu verfeuern, 
sodatz man heute nach erfolgter Umstellung sagen kann, das; 
die Kasseler Industrie in einer der wichtigsten Voraussetzungen 
für ihre Existenz und die Stetigkeit ber Betriebsführung — 
nämlich der Kohle — viel unabhängiger geworden ist als früher. 
Der hessische Braunkohlenbergbau hat infolge dieser Entwicklung 
ini Jahre 1925 seinen Absatz gegenüber 1913 verdoppelt, wenn 
auch nicht unerwähnt bleiben soll, das; diese verheibungsvolle 
Entwicklung durch die Wirtschaftskrisis und den zunehmenden 
Wettbewerb der übrigen deutschen Braunkohlengebiete gestört 
wird. Auch für wesentliche Teile des deutschen Kalibergbaus, 
für die zur „Wintershallgruppc" gehörenden Werke bildet die 
Stadt Kassel einen Mittelpunkt, der seinen sichtbaren Ausdruck 
in der Zusammenfassung dieser Kaliinteressen in der „Kali- 
Industrie-Akticngesellschaft", die ihren Sitz in Kassel hat, findet. 
Die grobe Bedeutung der „Wintershallgruppe" in der deutschen 
Kaliproduktion ist hinlänglich bekannt, sodab an dieser Stelle 
nicht darauf eingegangen zu werden braucht. Wir möchten nur 
noch der Hoffnung Ausdruck geben, dab die Stadt Staffel auch 
in Zukunft der Sitz dieses .Kalikonzerns bleiben wird. Wenn 
schon von den Bodenschätzen die Rede ist, dann darf auch der 
hessische Basalt, der in mehreren im Stadtgebiet und in dessen 
nächster Umgebung liegenden Brüchen gefördert wird und wert 
volles Pflastermatcrial für unsere Stratzen liefert, nicht un 
erwähnt bleiben. 
Die — auch der Arbeitnehmerzahl nach — bedeutendsten 
Betriebe der F e r 1 i g i n d u st r i e 51 assels gehören der M a s ch i n e n - 
u n d m e t a l l v e r a r b e i t e n d c n I n d u st r i e und der Textil 
industrie an. In erster Linie ist hier zu erwähnen, die 
Hcnschel'sche L o k o m o t i v f a b r i k, deren Erzeugnisse die Stadt 
Kassel in zahlreichen europäischen und aubereuropäischen Ländern 
bekannt gemacht haben. Das Werk, das bereits über 20 700 
Lokomotiven gebaut hat, ivurdc im Anfang des 19. Jahrhunderts 
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