Full text: Einwohnerbuch der Stadt Cassel sowie der Ortschaften Harleshausen, Ihringshausen, Niedervellmar, Niederzwehren, Oberzwehren, Sandershausen, Waldau, Wilhelmshöhe, Wolfsanger, Gartenstadt Brasselsberg und Gutsbezirk Fasanenhof (Jg. 86. 1920/21)

Teil I. 
Aus der Geschichte Cassels. 
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Modewarengeschäft vom Schloßplatz nach der oberen Königsstraße verlegt werden sollte. 
Und heute erheben sich in eben dieser Straße eine ganze Reihe von Warenhäusern! Der 
Grüne Weg mit seinen angrenzenden Straßen verdankte allerdings erst dem 1853 erüffneten 
Bahnhof seine Entstehung. 
Handel und Industrie, die während der 20er Jahre sehr darniederlagen, begannen sich 
wieder zu heben, seitdem Kurhessen 1K31 dem Zollverein beigetreten war, obgleich auch 
Kurfürst Friedrich Wilhelm gegen das Fabrik wesen sich recht ablehnend verhielt, sodaß die 
Industrieentwickelung in Kurhessen hinter der anderer Länder doch zurückblieb. Aber die 
kleinen dunklen Kaufmannsläden verschwanden immer mehr und machten hier und da bereits 
stattlichen Magazinen Platz. Auch die Gasthäuser traten aus ihren dunklen Verstecken hervor. 
Vor etwa 30 Jahren gab es 193 Kaufleute, die offene Verkaufsläden hielten; man vergleiche 
damit die Zahl der heutigen Kaufläden und vor allem deren äußere Ausstattung! Die Königs-, 
Wilhelms- und llohenzollernstraße — um nur einige herauszuheben — zeigen namentlich um 
die Mittags- und Abendzeit einen durchaus großstädtischen Charakter. Die Stadt selbst hat 
sich nach Einverleibung einer Reihe von Vororten nicht nur nach dem Westen, sondern 
neuerdings auch nach den anderen Himmelsrichtungen hin in früher ungeahntem Maße aus 
gedehnt, und . ganze Straßenziige sind im Laufe der letzten Jahrzehnte aus dem Boden 
gewachsen. Prachtbauten, wie die Murhardsche Bibliothek, das neue Rathaus, das Landes 
museum und die Stadthalle, geben der Stadt ein völlig neues Gepräge. Die Zahl der Ein 
wohner, die in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts 10000, im ersten Drittel des 18. Jahr 
hunderts 19 000, hundert Jahre später 25 000, im Jahre 1880 rund 58 000, 1890.rund 69 000, 
1900 101 000 betrug, hat jetat 160 000 überschritten. Und wer kann sagen, welchen Zu 
wachs noch in fernen Zeiten unserin alten Druselturm zu schauen bestimmt ist? 
Landgraf Wilhelm VIII., der Gründer der weltbekannten Casseler Gemäldegalerie, schuf 
sich auch das einige Stunden von Cassel gelegene Lustschloß W i 1 h e 1 m sth a 1, nach Kenner 
urteil das reizendste Rokokoschlößchen, das Deutschland aufzuweisen hat. Am 14. Juli 1753 
wurde in feierlicher Weise der Grundstein zum Mittelbau gelegt, der durch den Baumeister 
Charles du Ry errichtet wurde. Ganz vollendet wurde das Schloß mit äußerer und innerer 
Einrichtung erst 1737, da die Wirren des siebenjährigen Krieges hindernd dazwischen kamen. 
Fand doch auch bei Wilhelmsthal selbst am 24. Juni 1762 eine blutige Schlacht statt, in der 
auf beiden Seiten gegen 8000 Tote auf dem Platze blieben, die teils im Park an der Mauer, 
teils an einem kleinen Teiche in Massengräbern beigesetzt wurden. Herzog Ferdinand von 
Braunschweig, der sein Hauptquartier auch während der folgenden Wochen im Schloß behielt, 
bewies den gefangenen französischen Offizieren großen Edelmut, bewirtete sie im Schloß und 
beschenkte sie mit goldenen Uhren, Brillantringen und anderen Kostbarkeiten. Bekanntlich 
hat sich auch König Jeröme Napoleon gern in diesem Schlößchen aufgehalten, noch mehr 
aber seine Gemahlin, derzuliebe es in westfälischer Zeit Katharinenthal genannt wurde. 
Die Hauptschöpfung der hessischen Fürsten aber bleibt die Wilhelmshöhe, die im 
Verlauf von fast 300 Jahren entstand und noch heute unerreicht dasteht. „Ganz Deutschland, 
vielleicht ganz Europa bietet nichts Herrlicheres“, gestand der Philosoph Weber von diesem 
herrlichen Fürstensitz. Es ist historischer Boden, auf dem wir hier wandeln, und hier, wenn 
irgendwo, werden wir der Wandelbarkeit des Schicksals inne. An Stelle des nach nahezu 
400 jährigem Bestand von Landgraf Philipp aufgelösten Augustinerklosters Weißenstein ließ 
Landgraf Moritz von Hessen sich 1306 ein Lustschloß erbauen, in dem er seine Jagdgenossen 
bewirtete und sich in gewollter Einsamkeit seinen poetischen Neigungen hingab. Er begann 
auch bereits mit nicht unbedeutenden Anlagen, die aber bald wieder verfielen. Erst 100 Jahre 
später war es seinem Urenkel Karl beschieden, einen weiteren, und zwar den bedeutendsten 
Markstein der Wilhelmshöher Schöpfungsgeschichte zu setzen. Das unter ihm durch den 
italienischen Architekten Francesco Guerniero erbaute Oktogon mit der von dem Augsburger 
Goldschmied Anthoni getriebenen Herkulesstatue — sie ist 9,25 m hoch, hat eine Taillenweite 
von 5 m, einen Umfang des Handgelenks von 1 m, der Wade von 2,10 m — drückten der 
ganzen Anlage ihr charakteristisches Gepräge auf und waren der Ausgangspunkt für alles, 
was auch im vorvorigen Jahrhundert noch im großen Stil hier oben geschaffen wurde. Im 
Jahre 1917 waren gerade 200 Jahre verflossen, seit der farnesische Riese, gleichsam als Wahr 
zeichen der ihm zu Füßen liegenden Residenzstadt, auf die hessischen Lande herabblickt. 
Im siebenjährigen Krieg wurden die Kaskaden wiederholt der Schauplatz blutiger Scharmützel, 
und Landgraf Friedrich II. mußte große Geldmittel zu ihrer Wiederherstellung aufwenden. 
Dieser Fürst, ein Zeitgenosse Friedrichs des Großen, setzte das Gigantenwerk seines Groß 
vaters fort, er zuerst schuf eigentlich aus Wildnis und Sumpf wirkliche Parkanlagen. Er legte 
das chinesische Dorf Mulang, die Plutogrotte und manches andere an und ließ die große 
Fontäne erstehen, die selbst heute an Höhe nur noch von der mit künstlichen Maschinerien 
getriebenen Fontäne zu Herrenhausen um ein geringes übertroffen wird. Ferner gestaltete er das 
auf den Trümmern des Weißensteiner Klosters errichtete Jagdschlößchen zu einem imposanten 
Barockbau um, der dann unter Wilhelm IX. (als Kurfürst seit 1803 Wilhelm I.) dem 1798 
vollendeten jetzigen Schloß Platz machte. Wilhelm IX., dem Künstler wie Du Ry, Jussow 
und Steinhofer zur Seite standen, dankt die nach ihm benannte Wilhelmshöhe ihren eigent 
lichen Weltruhm, nachdem außer dem neuen Schloß noch die Lüwenburg und die Wasser 
fälle entstanden waren. Kurfürst Wilhelm II. ließ- durch den 83 jährigen „Wassergott“ Stein 
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