Full text: Einwohnerbuch der Stadt Cassel sowie der Ortschaften Harleshausen, Ihringshausen, Niedervellmar, Niederzwehren, Oberzwehren, Sandershausen, Waldau, Wilhelmshöhe, Wolfsanger, Gartenstadt Brasselsberg und Gutsbezirk Fasanenhof (Jg. 86. 1920/21)

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Aus der Geschichte Cassels. 
Teil I. 
nur eine Ruine bleiben sollte. Unter seinem Sohne Wilhelm II. entstanden u. a. das Autor 
an seiner ursprünglichen Stelle am Friedrichsplatz, das rote Palais, die jetzige Kriegsschule 
und die Artilleriekaserne, während unter dessen Sohn, dem späteren letzten Kurfürsten von 
Hessen, sich um das ursprünglich sehr einsam dastehende Ständehaus allmählich ein neuer 
Stadtteil gruppierte und auch das Bahnhofsgebäude errichtet w r urde. Seitdem Kurhessen 
und mit ihm seine Landeshauptstadt in Preußen aufgegangen, entwickelten sich Handel dnu 
Industrie in steigendem Maße, und die Bautätigkeit nahm, namentlich in den"ietzten Jahr 
zehnten, in einer Weise zu, daß ein nach fünfzig Jahren der Abwesenheit in seine Vaterstadt 
zurückkehrender Casselaner sich schwerlich noch in ihr zurechtfinden dürfte.'’.v Selbst in der 
Altstadt ist manches Haus, ja manche Häuserreihe vom Erdboden verschwunden, um größeren 
und luftigeren Neubauten Platz zu machen. Noch aber steht manches Gebäude, dessen 
festgefügte Steine die Gewähr bieten, daß es noch Jahrhunderten trotzen wird. Dazu gehört 
vor allem das gewaltige Zeughaus, das 1573 bis 1583 aus Quadern errichtet wurde und 
seinerzeit als das größte und ipeist bewunderte Gebäude der Stadt galt. Im siebenjährigen 
Krieg wurde es von den Franzosen gänzlich ausgeplündert. Seine letzte politische Rolle 
spielte es in den Märztagen des Jahres 1848, als es von dem erbitterten Volkshaufen ge 
stürmt wurde. Eines der ältesten Gebäude Cassels ist aber der Druselturm, der fast als 
Wahrzeichen der Stadt gelten könnte. Er wurde 1415 in den Gürtel der Stadtmauer zu 
Verteidigungszwecken hineingebaut. Als vor einigen Jahren sein Dachstuhl abbrannte, war 
dieser trotzige Turm, wie es hieß, aus Verkehrsrücksichten, in großer Gefahr, dem Abbruch 
überliefert zu werden; bei der Abstimmung gab einzig die Stimme des Vorsitzenden des 
Stadtverordnetenkollegs den Ausschlag und rettete so den festgefügten Bau vor dem Unter 
gang. So wird denn auch dieser alte Zeuge aus Cassels Vergangenheit voraussichtlich noch 
viele Geschlechter zu seinen Füßen vorbeiw’andeln sehen. Was könnte er ihnen nicht alles 
erzählen von der gewaltigen Entwickelung, die Cassel während der letzten Jahrhunderte 
durchmachte! 
Als man die mächtigen Quadern zum Bau des Druselturms zusammentrug, konnte Cassel 
den Charakter eines Landstädtchens immer noch nicht verleugnen. Eng und schmutzig waren 
immer noch die meist nicht gepflasterten und oft durch angesammelten Dünger versperrten 
Straßen. Die Ausdehnung der Stadt blieb wegen der Festungswerke nach wie vor eine 
beschränkte, um so dichter wurde sie aber bevölkert. Unter Philipp des Großmütigen Sohn, 
Wilhelm IV., wird Cassel etw r a 10 000 Einwohner gezählt haben. Wie bereits Philipp, so sah 
auch Landgraf Moritz wieder mit Nachdruck auf die Reinhaltung der Straßen. Immer mehr 
wurde nun Cassel zum Handels- und Marktplatz für die weitere Umgebung, was auf den 
bürgerlichen Wohlstand zw r ar nachhaltig einwirkte, aber auch einen steigenden Luxus 
zur Folge hatte. 
Landgraf Karl, der Cassel durch Erbauung der Oberneustadt erweiterte, hatte die 
Absicht, seine Residenz durch fremde Einwanderer zur Fabrikstadt zu erheben, und hatte 
dabei namentlich das umfangreiche Gelände des Forstes im Auge, der aber damals wegen 
der zahlreichen Viehherden Cassels noch nicht abkömmlich war; überhaupt ist dem Land 
grafen seine Absicht nicht in dem erwünschten Maße gelungen, wenn auch Fabrikanlagen 
w r ie der Kupferhammer und Messinghof eine kräftige Lebensdauer bewiesen. Dagegen wurden 
die Landstraßen und Posten wesentlich verbessert, und namentlich die hessischen Posten 
galten damals als die besten in Deutschland. In den letzten zwanzig Jahren der Regierung 
Karls wird Cassel gegen 19 000 Einwohner besessen haben. Durch ihn war es überhaupt 
eine neue Stadt geworden. Im siebenjährigen Krieg wurde die Stadt arg verwüstet, und 
zahlreiche Häuser lagen in Trümmern. Erst die mannigfachen Neubauten und Neueinrichtungen 
Friedrichs II. ließen diese traurige Zeit wieder vergessen. Die Wälle wurden geschleift und 
auch in die Altstadt durch Niederreißen kleiner Häuser mehr Luft und Licht hineingetragen. 
Friedrichs- und Königsplatz entstanden, und 1782 wuirden sämtliche Namen der Straßen und 
Plätze geändert. Cassel stand in seinem höchsten Glanze. Zu großer Blüte gelangten damals 
die beiden jährlichen Messen, zu deren Hebung Friedrich II. alles mögliche tat und auch das 
Meßhaus errichten ließ. Unter Wilhelm IX. hatte die üppige Hofhaltung ein Ende, dagegen 
brachte die Baulust dieses Fürsten große Summen ins Land. Sonst aber wrurde es, von der 
französischen Zwischenzeit (1806—1813) abgesehen, wieder recht still in Cassel, und noch 
in der ganzen ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist Cassel eine stille Stadt geblieben. 
Über das Casseler Leben und Treiben in der Mitte der 20er Jahre des 19. Jahrhunderts 
entwirft Otto Bähr in seinem hübschen Buch r Eine deutsche Stadt vor 60 Jahren“ ein 
außerordentlich aufschlußreiches Bild. Cassel zählte damals etwa 25 000 Einwohner, während 
es 60 Jahre später deren 64 000 umfaßte. Eine bedeutende Erweiterung erfuhr die Stadt im 
Laufe der 30er Jahre nach dem Westen hin, über die alte Stadtmauer hinaus. Diese, z. T. 
noch am alten Totenhof und in der Mauerstraße erhalten, lief an der heutigen Wolfsschlucht 
entlang nach der Garde du Korps-Kaserne hin. Noch 1837 stand am heutigen Ständeplatz 
außer dem Schwarzenbergschen Hause nur das im Jahre zuvor eingerichtete Ständehaus. Und 
wie hat sich seitdem der Schwerpunkt des städtischen Getriebes nach dieser Seite hin ver 
schoben ! Immer mehr zeigte sich das Bestreben, aus der Altstadt in die neue Gegend 
überzusiedeln. Kaufmannsläden wagte man freilich erst in sehr geringem Maße in der Ober 
neustadt anzulegen, schüttelte man doch noch allgemein den Kopf, als im Jahre 1837 ein 
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