Full text: Technisches Gemeindeblatt (9.1906, 13)

im Journal dieses Instituts im Oktoberhefte (S. 295 bis 823) ver- 
öffentlicht wurde. Einer von E. Grahn verfaßten und im 
Schillingschen Journal für Gasbeleuchtung erschienenen Übersetzung 
der Hauptstellen dieses Vortrages entnehmen wir folgendes: 
Um ein Wasser für eine Versorgung als ungeeignet ausschließen 
oder erkennen zu können, daß es einer vorherigen Reinigung be- 
darf, sowie auch um später eingetretene Schädigungen eines bis- 
lang als geeignet benutzten Wassers entdecken zu können, muß 
man wissen, wie Zweifel an seiner Brauchbarkeit entstehen können 
und durch welche Mittel ein Beweis dafür zu erbringen ist. Könnte 
man Typhusbazillen im Wasser rasch und sicher auffinden, so wäre 
die Aufgabe sehr einfach. In dem für Versorgungen überall in 
Frage kommenden Wasser ist aber nach Sedgwick die Zahl der 
Typhuskeime überhaupt eine so geringe, daß selbst der geschickteste 
Untersucher solche darin nicht hatte entdecken können, und nach 
Dr. Amyot haben bisher überhaupt nur zwei oder drei Untersucher 
Typhuskeime im Trinkwasser nachgewiesen. 
g Für die Beurteilung der möglichen Gefährlichkeit der Typhus- 
keime ist es natürlich wichtig, ihre Lebensdauer in verschiedenem 
Wasser und unter verschiedenen Verhältnissen zu kennen. Vor 
einem Jahre wurden von Jordon, Russel und Zeis die Wässer des 
,Michigansees, des Chicagoflusses und der Abwässerkanäle von 
Chicago auf die Dauer der Lebensfähigkeit von Typhusbazillen in 
verschiedenen Punkten dieser Wasserläufe eingehend untersucht. 
Es waren dazu Typhusbazillen in Barchent- oder Zelluloidsäckchen 
so eingeschlossen, daß sie nicht daraus entschlüpfen, aber doch 
durch Osmose mit dem sie umgebenden Wasser in Verbindung 
treten konnten. Es ergab sich, daß die Bazillen in diesen in die 
iWässer versenkten Beuteln in drei bis vier Tagen starben, wenn 
auch wohl einzelne in besonders widerstandsfähigen Zellen länger 
gelebt haben mochten. Es wurde ferner festgestellt, daß die Typhus- 
keime schneller in rohem Wasser als in mit Dampf sterilisiertem 
Wasser starben und daß sie in rohem Wasser mit nur wenig 
organischen Stoffen länger leben als in solchem mit viel organischen 
Stoffen. Untersuchungen von Sedgwick haben ergeben, daß 
Typhusfälle niemals auf infiziertes Eis zurückgeführt werden konnten, 
daß sich Typhuskeime aber in kaltem Wasser länger zu halten 
scheinen als in warmem. 
Tief unter der Oberfläche liegender Boden ist in der Regil 
steril, jedoch können, wenn der Boden porös ist, bei dauernder Be- 
schmutzung seiner Oberfläche von oben Typhuskeime selbst bis in 
große Tiefen eindringen. Fuller hat. in solchem Boden in 3,0 m 
Tiefe nach 5,5 Monaten noch lebende Typhuskeime gefunden. Nach 
Dr. Martin sollen in jungfräulichem Boden die Keime nur dann 
leben und sich entwickeln können, wenn er organische Stoffe ent- 
hält, und zwar längere Zeit, wenn diese Stoffe steril sind, während 
sie schon nach etwa 12 'l'agen starben, wenn der Boden kultiviert 
und nicht steril war. Whipple hält die Zahl der Keime in 1,50 m 
Tiefe nur noch für eine sehr geringe. 
Betreffs der Lebensdauer von durch fließende Gewässer fort- 
gespülten 'I'yphusbazillen sei bemerkt, daß nach den Angaben von 
Zeis und Fütters das Wasser der Seine 70 km unterhalb Paris, 
das der Oder 32 km unterhalb Breslau, das der Isar 32 km unter- 
halb München und das der Limmat 14 km unterhalb Zürich ebenso 
rein ist wie oberhalb jener Städte. Selbst ein ernstlich verunreinigtes 
Flußwasser werde in gewisser Entfernung von der Eintriltsstelle 
immer wieder rein, denn es vermindere sich mit der Abnahme der 
organischen Stoffe auch die Zahl der pathogenen Keime und der 
Abwasserkeime, und gleichzeitig vermehre sich die Zahl der Wasser- 
bakterien (Saprophyten), durch die aber die organischen Stoffe 
und diepathogenen Bakterien aufgezehrt werden. Diese Wasser- 
verunreinigung ist jedoch durch nur wenige von den letzteren 
Keimen eine viel ernstere als durch eine große Zahl von Wasser- 
bakterien, so daß dem Nachweise der gesamten Keime für die Be- 
urteilung immer qualitative Untersuchungen folgen sollten. 
Nach Whipple werden aus dem Boden durch jeden Regen 
im Verhältnisse seiner Mächtigkeit und der Größe seines Nieder- 
schlagsgebiets unzählige Mengen Bakterien in die Flüsse überführt. 
"Protzdem sind, freilich entgegen der öffentlichen Meinung, kleinere 
und rasch fließende Flüsse als Infektionsträger mehr zu fürchten 
als große Flüsse, die sich träge fortbewegen, und als große Re- 
servoire, wenn beide ausgedehnte Niederschlagsgebiete besitzen. 
Treten auch ungezählte Schmutzmengen in diese über, so können 
sie doch, falls sie nicht in der Nähe größerer Städte liegen, für 
eine Versorgung immer noch ein gesundes Wasser liefern. W hipple 
hält ein solches Wasser zehn Tage nach seiner Infektion nur noch 
für 115 und nach einem Monate nur noch für V50 so verdächtig wie 
am ersten Tage. Ein kleiner Fluß, in den Infektionsstoffe in kon- 
zentrierter Form eintreten, erheischt somit mehr Vorsicht wie ein 
großer Fluß, der eine gleichmäßigere Beschaffenheit besitzt. 
Als Mittel zur Entdeckung von Schädlichkeiten der 
Wasserversorgung sind nach dem Vortragenden die folgenden 
zu betrachten: 
1. Die Erkrankungsstatistik am Typhusort ist fortlaufend zu 
verfolgen. (In hoher und wachsender Zahl auftretende Typhus- 
erkrankungen rufen den Verdacht hervor, daß die Wasserversorgung 
eines Ortes gesundheitsschädlich ist.) 
2. In regelmäßigen, den Verhältnissen entsprechend festzl 
stellenden Zwischenräumen sind Wasserproben zu untersuchen. 
3. Periodische Besichtigungen des_ Speisegebiets und namen 
lieh aller möglichen vorübergehenden Verseuchungsquellen sin 
mindestens im Umkreise von einigen Kilometern von der Schöpfstell 
in gründlicher Weise vorzunehmen. 
Lassen auch Trübung, Farbe, Geruch und Geschmack einer Wassei 
probe eine Verunreinigung vermuten, so verlangt doch das Erkenne 
ihrer Ursache und das Urteil, ob sie bleibend oder vorübergehen 
ist, die Vornahme von chemischen und bakteriologische 
Untersuchungen solcher Proben. Für die Bestimmung normale 
Verunreinigungen von Flußwasser sind nach Fütterer und. Zei 
die Proben bei sinkendem Wasserstand und in wasserarmer Zei 
zu entnehmen. Soll jedoch der schlechteste Zustand eines Wasser 
als Trinkwasser ermittelt werden, so sind bakteriologische Untei 
suchungcn auch nach starken Regenfällen nötig. 
Durch chemische Untersuchungen sind die Stiekstoffverbindunge 
nach Art und Menge, ferner der Uberschuß an Chlorverbindunge 
im Wasser gegenüber dem Chlorgehalte von benachbarten, nicht vei 
schmutzten Wässern und endlich der Sauerstoffverbrauch zu 
Oxydation der im Wasser enthaltenen organischen Stoffe fest 
zustellen. Als rohe Grenzwerte gelten im Liter Wasser 10 OCI 
Chlorüberschuß, 4 ccm Sauerstoffverbraueh, 0,05 ccm Nitrate, 0,02 cci 
Albuminofd-Ammoniak sowie das Fehlen von Nitriten. Die durc 
die Analyse gefundenen Stoffe sind als solche nicht eigentlic 
schädlich, sondern sie dienen wesentlich als Unterlage für die Be 
urteilung, ob die Verschmutzung des Wassers von animalische 
oder von vegetabilischer Natur ist. 
Trinkwasser sollte im ccm nicht mehr als 100 bis 300 Keim 
enthalten. Gewöhnliches Brunnenwasser enthält zwischen 400 un 
500 Keime, während artesisches Brunnenwasser meistens keimfrei is 
Ein Typhusbazillus hat lfzooo mm Dicke und eine dem mehr 
fachen dieser Dicke entsprechende Länge. Obgleich in 1 mg de 
Dejekte von 'l'yphuskranken nach Hazan bis zu 2 Milionen Typhus 
keime gezählt sind, kann man solche überhaupt nur in stark vei 
seuchten Wässern nachweisen, weil sie sich sehr rasch verteile 
und recht schnell absterben. Dagegen ist das sich stets in de 
Eingeweiden von Menschen und Tieren vorfindende Bacterium coli seh 
widerstandsfähig; dessen Nachweis im Wasser läßt immer eine Vei 
schmutzung animalischen Ursprunges annehmen. Nach Whippl 
ist in einer Probe von 10 ccm Wasser ein Gehalt von B. coli noc 
in zuverlässiger Weise nachzuweisen. Er bezeichnet ein Wassei 
bei dem der Nachweis erst in 100 ccm gelingt, als gesund, in 10 ccr 
als genügend gesund, in 1,0 ccm als fraglich, in 0,1 ccm als wahi 
scheinlich ungesund und in 0,01 ccm als ungesund. Jeder Nach 
weis von B. coli im Brunnenwasser gilt ihm als Beweis seiner Vei 
unreinigung durch Oberflächenwasser. 
Für das Trinkwasser haben sich die Ergebnisse der chemische 
und der bakteriologischen Untersuchung gegenseitig zu ergänzen 
weist die erstere durch die Überlegung den Weg zur Aufdeckun, 
von gesundheitlichen Schäden, so kann die letztere diese Schäde 
möglicherweise unmittelbar erkennen lassen. 
Bei der sachgemäßen Prüfung des Niederschlags- un 
Sammelgebiets genügt bei großen Gebieten in der Regel di 
genauere Verfolgung des Wasserlaufs bis auf einige Kilometer Ent 
fernung vor der Fassungsstelle. Bei dieser Prüfung ist darauf zi 
achten, ob der Boden kultiviert, bewaldet, felsig, hügelig oder ebe: 
ist, ob und in welchem Umfange sich darauf Wohnungen befinde! 
wie die Dejekte und Hausabgänge aus diesen entfernt werden, o 
Gewerbe, namentlich Gerbereien, Wollwäschen, Brauereien, Färbe 
reien, Zuckerfabriken, Papierfabriken usw; in dem Gebiete be 
trieben und wie deren Schmutzwässer beseitigt werden, 0b sie" 
namentlich in der Nähe der Schöpfstellen Kirchhöfe, Sümpfe, Gräbe" 
für Aborte und Dünger usw. befinden, ob am Flußufer Kehrich" 
Kot, Schlamm, Sägespäne usw. gelagert sind oder von hier, wen 
auch nur vorübergehend, in kleinen Mengen in den Fluß gelangen USV! 
Meistens wird freilich die Intensität aller solchen Schädlichkeite; 
durch die Verdünnung im Flusse mehr oder weniger herabgeminder 
Die pathogenen Keime sterben darin ab; die groben Schmutzteil 
sinken zu Boden und reißen andere schwimmende Teile mit; di 
organischen Stoffe werden durch ihre Zersetzung zu unschädliche; 
mineralischen Stoffen. 
Schon die Bevölkerungsdichtigkeit im Speisegebiete des Flusse 
allein gestattet nach Dr. Willistons Ermitteluugen ein unmittel 
bares Urteil über die Zulässigkeit der Benutzung seines Wasser 
für eine Versorgung; beträgt die Bevölkerungsdiehtigkeit für 1 qkr 
180 Köpfe und mehr, so ist nach ihm das Flußwasser für eine Ver 
sorgung überhaupt nicht brauchbar, während ihm eine BBVÖIKGYUD; 
von bis höchstens 80 Köpfen für 1 qkm für das Flußwasser unschäd 
lieh erscheint. Fehlen über die Bevölkerungsdichtigkeit genügend 
Angaben, so kann man nach Stearns auch wohl annehmen, da. 
ein Teil Chlorüberschuß in 100000 Teilen Flußwasser der Ver 
unreinigung des Speisegebiets durch 16 Köpfe für 1 qkm entsprichi 
Baumeister hat für europäische Flüsse als die tägliche Ver 
schmutzung durch Abwässer aus der Anwohnerschaft im Mitte 
200 g pro Kopf (250 bis 130 g) ermittelt, wovon die Hälfte mensch 
liehen Ursprunges sein soll.
	        

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