Full text: Gedichte und Uebersetzungen

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Die Gefangene. 
Im Kerker, aus welchem der Tod nur befreit. 
Gebrochen der Leib von verzehrendem Leid 
Deß keiner genas. 
Die greise gefangene Königin saß. 
Zum ferneher dämmernden heimischen Land 
Noch selbst im Erlöschen die Blicke gewandt. 
So saß sie und sprach 
Die Worte hinaus in den sinkenden Tag: 
„Ich grüße dich, Sonne, hellstrahlender Ball 
Gleich mir warst du Königin über das All, 
Nun sinkst du hinab 
Gleich mir auch beraubt deiner Herrschaft in's Grab. 
Nun sinkst du hinab und ich folge dir bald; 
Zwar golden umkränzt nicht, noch purpurn umwallt. 
Doch weniger nicht 
[ Drum Königin, weil mir des Schmuckes gebricht! 
Nur Eines mich kümmert: mein Glaube mich lehrt. 
Nach Maß seiner Macht nur wird jenseits geehrt. 
Wen prangend sie schmückt 
Im Tode; doch ich sterbe Fesselgedrückt!"
	        

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