Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1811)

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Kassel, 
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Feuilleton 
Westphälischen 
Mittwoch den itert Mai i8n. 
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Kassel. 
Ueber die Doppelbuchhaltung und die er» 
probte Anwendbarkeit derselben auf die 
Staatsbuchhalterei des Königreichs 
Wcstphalen. 
Jene in der Geschichte ewig denkwürdige Periode 
der italienischen Handelsgröße, während welcher die 
mächtigen Freistaaten Venedig, Genua und Pisa die 
Meere beherrschten, und diese ihre Herrschaft unter 
andern, auf eine sehr wohlthätige Art, auch dazu 
benutzten, daß sie dem Seerechte des neueren Europa, 
welches wir heutiges Tages durch die Engländer ver» 
nichtet sehen, das erste Daseyn gaben; jene Periode 
war es, wo, neben dem^onsolaro delmare*), noch 
so manche andere neue literarische Erscheinungen, von 
Italien her, in der Handelswelt hervorgingen, die 
noch heutiges Tages als vorzügliche Hülfs- und Beför 
derungsmittel des kaufmännischen Gewerbes, allge 
mein anerkannt und benutzt werden; so wie denn auch 
Die dabei statt findende, von der ganzen europäischen 
Handelswelt adoptirte italienische Kunstsprache, es 
schon gleich unerinnert errathen läßt, wo diese gemein 
nützige wissenschaftliche Schätze, als da sind, die 
Wechselbriefe, das Bankowesen, die Doppelbuchhal 
tung u. s. w. ursprünglich zu Tage gefördert wurden. 
Was nun unter diesen schätzbaren Erfindungen die 
Italienische- oder Doppelbuchhaltung insonderheit be 
trifft; so hat sie mit tausend andern eben so vortreff 
lichen Dingen das Schicksal gemein, daß sie häufig 
von anmaßlichen Richtern beurtheilt wird, die sie nicht 
zu beurtheilen verstehen; und bei denen dann, wie ge 
wöhnlich, der äußere Schein und was daher sehr 
fälschlich gefolgert wird, die Stelle einer gründlichen 
und sachkundigen Prüfung vertreten muß. Unter An 
leitung einer so unzuverläßigen Führerin artet denn 
gewöhnlich die oberflächliche Beurtheilung in ein un 
barmherziges Verdammungöurthcil aus, und so auch 
hier. 
Das dritte Wort den unberufenen Beurtheilet der 
Doppelbuchhaltung ist immer dieses: baß sie viel zu 
weitschweifig, und daß viel zu viel Schreiberei dazu 
erforderlich sey. 
Aber weitläufig und kur;, groß und klein, viel und 
wenig sind sehr relative Ausdrücke. Was in der einen 
Beziehung mit Recht für ungeheuer viel, groß und 
weitläufig gelten kann, ist in einer andern Beziehung 
oft genug, mit eben so vollem Rechte, als sehr wenig 
oder als sehr klein, kurz und kompcudiarisch zu be 
trachten. Zugegeben indeß, wenn es durchaus zuge 
geben werden soll, die Doppelbuchhaltung sey wirklich 
ganz unbedingt als eine sehr weitläufige Rechnungs, 
führung zu betrachten/, so liegt der Fehler, — wenn 
es nämlich überall ein Fehler ist, welches ich aber keir 
nesweges zugebe — nicht in der Doppelbuchhaltung 
selbst, sondern in der unabänderlichen Natur und Art 
solcher Rechnungsgegenstände, für welche sie ausschließ 
lich nur erfunden ward, und auf welche angewandt 
sie sich bisher immer noch als die einzig wahre und 
zweckmäßige Duchhaliungsmanier hat bewährt finden 
lassen. Ihre Schuld ist cs nicht, wenn sie (wie bis 
weilen geschieht) auf Gegenstände angewandt wird, 
für die sie von ihrem sinnreichen Erfinder gar nicht be 
rechnet war, und wo denn allerdings eine relative 
Weitläufigkeit und Vielschreiberci sich ergiedt, die mit 
dem Nutzen davon gar nicht im Verhältnisse steht. 
Für welche Rcchnungegegenstände ward denn also 
die Doppelbuchhaltung ausschließlich nur erfunden? — 
Für keine andere, als solche, die 
1) ein sehr viel umfassendes, ai,s vielen einzelnen 
Rechnungsgegcnstanden zusammengesetztes Ganze bil, 
den; und wobei 
2) diese einzelnen Rechnungsgegenstände in einem 
lebhaften gegenseitigen Verkehr miteinander stehen, so 
daß sie in unaufhörlicher Abwechselung bald ale Geber, 
bald als Empfänger, bald als Gläubiger, bald als 
Schuldner, erscheinen, und was es sonst noch für ver 
schiedene Rollen giebt, welche die Doppelbuchhaltung 
ihre zahlreichen Rechnungegegenstände spielen läßt. 
Für so ein großes und zusammengesetztes Ganze ist das 
italienische Buchhaltungssystem weder zu weitläufig 
noch zu kurz, sondern grade so, wie es zweckmäßig 
seyn muß, und nicht anders seyn kann. 
Nun frage ich aber die unberufenen Richter und 
Verurtheiler der Doppelbuchhaltung vor dem Richter- 
stuhle der gesunden Vernunft: ob sie wohl in allem 
*) So hieß der Codex, welcher das von den oberwähnten Freistaaten gegründete Seerecht enthielt. 
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