Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

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Dagegen können dem fände hundert andere Bedürft 
nißbefriedigungcn fehlen; insofern leidet das Land Ar 
muth. Eö gibt nun das von ihm selbst nicht verbrauch 
bare oder todte Gut für die nothwendigen Waaren des 
Auslandes hin, verwandelt Nichts in Etwas, oder 
Brauchbares: und der Nationalreichthum hat reellen 
Zuwachs. Liegen z. B. in brittischen Magazinen Ver 
rathe von Zinn- und andern Metallwaaren, welche 
für die Nation Uebcrflnß, das heißt unbenutzbar sind; 
es fehlt aber an Hanf, an Bauholz: so verwandelt 
der Umtausch des Uebcrstusscö gegen das Nothwendige 
todtes Gut in Lebendes, das Nichts in Etwas. 
Noch auf eine andere Art wird der Handel ein Vor- 
mehrungsmittel des Nativnatreichthums. Wir haben 
den Einfluß der Fabriken auf die Landwirthschaft un 
zweifelhaft gefunden.' Eben so unzweifelhaft ist der 
Einfluß des Handels auf die Fabriken. 
Denken wir uns ein bloß Ackerbau treibendes Volk, 
ohne alle Manufakturen, ohne Handel: so ducken wir 
uns ein Volk von Landeigenthümern und Bauern, die 
natürlich nicht mehr Boden urbar machen, als siePro- 
dukce konfumircn können. Die Konsumtion ist gering. 
Setzen wir zu den Landwirthen eine Kolonie von Fa 
brikanten , deren Fabrikate gar nicht von der Nazion, 
sondern von dem Auslande verbraucht werden. Diese 
Kolonie vergrößert nothwendig die Konsumtion der 
Produkte des Landbaus, und erweitert den Landbau 
Lurch den größer» Absatz, vermehrt mithin den Na- 
t onalreichthum, das heißt das zinstragende Kapital. 
Ohne Fabriken hatte die größere Konsumtion der Pro 
dukte , und ohne auswärtigen Handel die Existenz der 
Fabrikanten nicht statt gefunden. Nun ist es gewiß, 
daß Großbrittanniens Wollen - Baumwollen- und Me- 
tallwaaren-Fabriken mehr Gut liefern, als die Nation 
selbst bei dem ausgedehntesten Luxus davon verbrau-, 
chen kann. Mithin Ist das Dasein dieser, für das Be 
dürfniß der Nation entbehrlichen, Fabriken nur dnrch 
den Handel möglich; und das Dasein der Fabriken 
macht durch vergrößerte Konsumtion der Produkte die 
Erweiterung des Landbaus möglich.. 
Der englische Aus- und Einfuhrhandel aber ist bei- 
wcitcm noch nicht so ausgedehnt, als der Zwischen 
handel dieserNazion. Der Gewinn, welcher aus 
diesem in das Land fließt, übertrifft allen Gewinn 
der Aus- und Einfuhr, und läßt sich nicht wie jener 
in den Maulhregisiern berechnen. Er ist die Seele 
des brittischen Kommerzes, tragt direkte zur Vermeh 
rung des Nazionalreichthums bei, und gerade dieser 
ists unstreitig, wodurch Venedig, Genua, Holland, 
und nachher Großbrittannien ihre merkantilische Größe 
empfingen. 
Ein Kaufmann empfängt in Indien, sei es auf Kre-- 
Vit, oder gegen Unterpfand, oder Tausch, für 600,000 
Pfund Sterling Kolonialwaaren. Er setzt diese, auf 
europäischen Märkten mit einem reinen Gewinn von 
joo/ooo Pfund Sterling ab: ft> zahlt er den Kolonien 
das Kapital des Waarenwerths, und steigert den 
Reichthum seines Vaterlandes mit einem Gute von 
100,000 Pf. Sterling. Hier ist also unmittelbare 
Vermehrung des Narionalreichthumö durch den Han-- 
del: Schöpfung eines neuen Stoffs. 
Holland konnte durch den bloßen Eigenbandel (durch 
Ausfuhr und Einfuhr) nicht die Hohe von Reichthum 
lind Macht erschwingen, die es einst besaß; weder 
seine Produkte noch die Masse seiner Fabrikate reich 
ten dazu hin. Ader der unermeßliche Waarentrans- 
port im Großen, der Zwischenhandel, welchen es bei 
allen Nationen unterhielt, leitete den Reichthum an« 
derer Völker in feinen Schoos, bis England die hol 
ländischen Flotten zerstört und die wichtigsten Kolo 
nien dieses Staats erobert harte. 
Wie gesagt, Venedigs, Gcnna's und Hollands 
Größe benchte nicht auf dem Absatz einiger Fabrikate 
und Produkte, oder auf dem Ausfuhr- und Einfuhr 
handel, sondern auf der Existenz fernes Zwischenhan 
dels. Eben so wenig kann geiaugnet werden, daß 
Großbrittanniens Flor erst begann, da cs mit Hol 
land Rivalität im Zwischenhandel anfing, und Kolo 
nien bekam. Jetzt, da alle andere Handelsnationen 
gestürzt find, da Englands Flotten despotisch allein 
herrschen auf den Meeren, da England den Handel 
der Welt ausschließlich in Händen trägt, wer kann 
jetzt die Summen berechnen, die durch den Zwischen 
handel aus allen Welttheilcn den brittischen Häfen zu 
strömen als reiner Gewinn? 
Bloß Ackerbau treibende Nationen, ohne Aktivhan 
del, können wohlhabend, nie reich werden. Denn 
die Produkte des Bodens, ohne Mühe und Talent 
gewonnen, sind gegen die Werke des Genies, des Ta 
lents, d. '. gegen Fabrikate, verhältnißmäßig immer 
in geringem Preise. So wie in einem einzelnen Staa 
te zuletzt die Fabrikanten wegen höher« Pre ses ihrer 
Arbeiten immer reicher sein werden, als die Bauern, 
wenn beide mit gleichem Kapital zu arbeiten anfan 
gen: so wird eine fabrizirende und handelnde Nazion 
jedesmal die bloß ackerbauende an Reichthum übertref 
fen müssen. Daher sind Polen und Spanien, ohne 
Handel, ohne Fabriken, beständig an Natronalreich- 
thum industr'öfen Völkern nachgestanden. 
Damit die europäischen Völker aber sich in ihrem 
Woblstande erhalten und an National - Reichthum zu 
nehmen, ist ee gerade nicht nothwendig erforderlich, 
daß sie ihre Erzeugnisse und Fabrikate nach fernen 
Landern übers Meers verschiffen. Der Weltthcil, über 
den sich Frankreichs Macht und Kontruentalsystcm er 
streckt, ist groß genug, um Markte in hinreichender 
Menge mit der Zeit darzubieten. Es kommt nur dar 
auf an, daß der Landbau und die Industrie eine den 
stattfindenden Verhältnissen angemessene Richtung neh 
men, und man sich besonders der Hervorbriugulig ivl- 
cher Produkte und Fabrikate befleißige, zu deren Um 
tausch sich lm Innern des Welttheile Gelegenheit Dar 
bietet. Man fetze an die Stelle der ausländisch" 
Waaren inländische, es nehme die Mode eine anctt
	        

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