Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

C 1668 ) 
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sie zu erreichen, um so mehr ein Gegenstand der öf 
fentlichen Aufmerksamkeit, je mehr die Ueberzeugung 
sich verbreitet, daß wahre weibliche Bildung einen 
nie ganz zu berechnenden wohlthätigen Einfluß auf die 
häusliche" Glückseligkeit habe. Den Meinungen hier 
über bcittitreten können nur Solche Bedenken tragen, 
welche selbst keine Bildung besitzen, den Werth der 
selben also auch nicht zu schätzen verstehen und die 
hohe Würde verkennen, welche mit sie allein dem an 
dern Geschlechte gibt, indem dieses, mit ihr ge 
schmückt, nur erst wirklich schön genannt werden 
kann. — Bei der letzten Prüfung habe ich es ge 
wagt, Ihnen meine Gedanken, die auch die Ihrigen 
sind, über den Werth der weiblichen Bildung im All- 
gcmeinen mitzutheilen. Soll diese Ueberzeugung sich 
aber noch mehr in uns befestigen: so wird cs nöthig 
seyn, daß wir dieses große und schöne Feld etwas ge 
nauer betrachten und die Vortheile scharfer ins Auge 
soffen, welche für den häuslichen Kreis aus jener Bil 
dung erwachsen. Man kann die Lagen der andern 
Geschlechte ans 4 Arten zurückführen, indem es ent 
weder im ehelichen, oder im mütterlichen, oder im 
häuslichen oder im ledigen Stande lebt. Wir wollen 
dasselbe in allen diesen Verhältnissen verfolgen. Der 
Einfluß der weiblichen Bildung auf die mütterlichen 
Pflichten mag uns heute beschäftigen. — Das Wort 
Bildung ist mit tiefer, ausgebreiteter Gelehrsamkeit 
sehr oft verwechselt, oder hat auch mit einer falschen 
Aufklärung, welche sich in Sitteulosigkeit und Frei 
geistern zeigt, gleiche Bedeutung erhalten, und ist, 
bei dem andern Geschlechte sich findend, mit Recht 
verrufen. Die Bildung aber, welche wir als etwas 
außerordentlich Wünschenswcrthes auszeichnen und 
deren Segen die bcglückendstcn Folgen darthun, er 
streckt sich auf die Bekanntschaft mit demjenigen, was 
in dem allgemeiner» und engern weiblichen Wirkungs 
kreise liegt. Sic steht jener Unwissenheit entgegen, 
welche unsern Wclttheil und dessen Bewohner nicht 
einmahl geschweige denn die übrigen kennt; weicher 
die Natur um sie her fremd ist; welche weder von 
der Geschichte der Vorzeit noch von der des Tages et 
was'weiß, ihre Muttersprache nicht versteht, und die 
nothwendigen weiblichen Fertigkeiten und Kenntnisse 
sich nicht erworben hak. Die wahre Bildung setzt eine 
Vertrautheit mit den Berufspflichtcn voraus. Der 
Verstand ist entwickelt und reich an nützlichen Kennt 
nissen mancherlei Art. Das Herz ist veredelt durch 
Religion, Geschichte und Betrachtung der Werke der 
Natur. Bekanntschaft mit den Regeln nicht allein 
unsrer sondern auch anderer Sprachen, Fertigkeiten 
in groben und feinen weiblichen Arbeiten, Anstand, 
Bescheidenheit darf man hier nicht vergebens suchen. 
Das Pflichtgefühl ist hier so stark als mögl-ch. Diese 
Bildung ist mit dem innern Drange verknüpft, nicht 
bloß sich zu leben, sondern Alles um sich her zu be 
glücken und hierin die schönste Quelle der Freude zu 
suchen. Wenn asso die wahre Bildung nicht bloß das 
Bewußtseyn einer höheren Bestimmung, nicht bloß 
die Kenntniß des ganzen Umfangs ihr-? Pflichten, son 
dern auch den Eifer in sich schließt,' den Pflichtenkreis 
ganz auszufüllen: so sehen wir zuerst die Mutter 
unverdrossen in der Beobachtung ihrer 
heiligen Pflichten gegen ihr Kind. Wir 
betrachten sie hier in der engern Verbindung mit dem 
selben bis zu den Jahren des bestimmten Unterrichts. 
Mag es auch seyn, daß die Natur durch die starken 
mütterlichen Gefühle schon mächtig einer jeden Ueber- 
tretung in obiger Hinsicht entgegenarbeitet; mag es 
seyn, daß die roheste, unwissendste und in andern Din 
gen gefühlloseste Mutter mir außerordentlicher Zärt 
lichkeit für das Wohl ihres Kindes sorgt: gibt diese 
Sorgfalt, welche sich von derjenigen unter den Thie 
ren nur sehr wenig unterscheidet, wenn sie auch, wie 
es wegen ihrer Unkunde mit der Behandlung des Kin 
des sehr zu bezweifeln steht, ganz der Na^ur augemcs- 
scn ist, ihr auch nur in; Mindesten einen sittlichen 
Werth ? Sie thut cs, well sie nun einmahl zur Mut 
ter bpstimmr ist, weil cs nicht anders seyn kann. Hö 
here Antriebe kennt sic nicht; die Wichtigkeit ihres 
Berufs fühlt sie nicht. Stellen wir sie aber" auf einen 
höheren Standpunkt: wie ist sie dann in ihr beson 
deres Verhältniß so ganz eingeweihet, von ihren er 
habenen Mutlerpflichten so ganz durchdrungen. Sie 
kennt nichts Angenehmeres, als bas ganz zu seyn, 
wozu sic von der Nñtur auserkoren ward. Sich Ver 
gnügungen zu versagen, an Lustbarkeiten nicht Theil 
zu nehmen, den größten Beschwerden sich'zu unter 
ziehen, damit nur für ihren Säugling gehörig gesorgt, 
damit ihr Kind nicht verwahrloset werde, macht sie 
nicht traurig sondern froh. Sie sorgt für chrc zarte 
Pflanze mit verständiger Liebe.- Dieß thut sie aus rei 
nem Pflichtgefühl, aus schuldigem Gehorsame gegen 
den Regierer ihrer Schicksale, ans inniger Dankcar- 
keit gegen den, welcher ihr ein so wichtiges Amt an- 
vertraucte. Sie erblickt in dem Kleinen, welcher auf 
ihrem Schooße lächelnd ruhet, welchen sie auf ihren 
Armen sorgsam tragt, oder welcher um sie spielend 
sich erfreuet, keinen Gegenstand, der nur da ist, um 
wieder zu verschwinden: nein, sie sieht in ihm jenes 
heilige Flämmchen^nie wieder erlöschend, welches sie 
anfachen und zu einem schönen Feuer gestalten soll. 
Wenn wir die traurige Bemerkung machen, daß viele 
nur den ehrenvollen Nahmen als Mutter tragen, aber 
von den Verbindlichkeiten, welche an diesem Nahmen 
hängen, mit einem unerhörten Leichtsinne sich losreis- 
scn, daß sie im Gedränge und Rausche.sinnlicher Ver- 
gnügnngen ihres Kindes vergessen, es sorglos unwis 
senden, sehr oft gefühllosen und verworfenen Lohn- 
dienern übergeben und nicht selten mit sich auch ihr 
Kind morden: kommt cs nicht meistenthcils daher, 
weil ihnen die nothwendige Bildung fehlt, weil ih 
nen nichts wichtiger ist/ als vorüberflichcnde und ge 
wöhnlich geistlose Ergotzkichkeiten, weil sie Sklavin 
nen der Mode, der Eitelkeit und ihrer Leidenschaften 
sind? — Die Gebildete entsagt Allem, sobald ihre 
Pflicht ruft. Ihr ist airdann kein Opfer zu groß; sie
	        

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