Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [2])

C '513 ) 
so glaublich unter solchen Umständen auch ein baldiger 
Tod seyn konnte, so erwartete ich ihn doch nicht gerade 
auf den Tag, und ließ mich mit dem Vertrag ein. Die 
Alte sollte 2 Pferöe und 52 Dukaten erhalten, wenn 
ich blieb, sonst den Tokaier bringen. Der Auditeur 
schrieb es lachend nieder. 
Der jwanzigste August kam heran. Es gab keine 
-Aussicht zur Aktion. An unserm Regiment war die 
Reihe, das Nachtpikct des rechten Flügels zu geben; 
ich für mein Theil war aber sehr sicher, da noch zwei 
Offiziers vor mir auf dem Cotnmandsregifier standen. 
Es ward Abeud, ich sah die Husaren sich nach und 
nach anschicken, da erschien der Ehirurgns beim Regir 
mentökommandanten, und meldete: der bestimmte Of 
fizier sey Plötzlich gefährlich krank geworden; der fol 
gende, mein Vordermann wcud also ernannt. Erklei- 
' det sich schnell an und will zu seinen Leuten, aber sein 
sonst frommes Pferd bäumt sich einmal über das an 
dere, der Reuter vermags nicht zu beruhigen, wird 
abgeworfen und bricht das Bein. Nun wäre an mir. 
Ich gestehe, daß mir doch nicht ganz so wie gewöhn 
lich zu Muthe ward. 
Ich rückte mit 80 Mann aus, ein Rittmeister mit 
120 stieß von einem andern Regiment dazu, baß das 
P.kct aus ¿00 Mann bestand. Wir hatten unsern Po- 
sien il 00 Schritt vor der Linie des rechten Flügels, 
und stützten an einen Sumpf mit hohem Schilfrohr be 
wachsen. Schildwachen wurden nicht vorwärts ge 
stellt, dagegen verließ die Mannschaft den Sattel nicht; 
der Sabel am Eefäßriemen, der Karabiner im An 
schlag bis zum Tagesanbruch so hieß die Regel. Bis 
eine Viertelstunde vor Mitternacht war alles ruhig, 
dann vernahmen wir ein schleichendes Getöse, bald 
daratlf ein lautes Allah, und eine Minute spater la 
gen alle Pferde des ersten Glieds von Schüssen, oder 
dem Anrennen von 6 dis 800 Türken übern Hausen. 
Von unsrer Karabinersalve und durch den tollkühnen 
Choc waren eben so viele von ihnen gestürzt, ,^er 
Feind kannte das Lokal. Wir wurden umringt, über 
mannt, man stach, schlug, schoß wild auf einander. 
Ich bekam acht Säbelhiebe von Freund und Fernd, 
mein Pferd einen tödrlichen Schuß, cs sank aus mein 
rechtes Bein, und drückte mich in den warmblütigen 
Sand. Die Pistolen leuchteten gleich schnellen Blitzen 
Zum Gräuel der Maffakre. Ich sah von der Erde 
hinauf. Die Verzweistnng wehrte sich nn>rerseliS, 
«der die opiumbcranschren Türken waren übermächtig 
und mordeten drei, vier an einen. Bald stand kei 
ner der Kaiserlichen mehr, die Uebcrwindcr bemächtig 
ten sich der noch brauchbaren Pferde, plünderten Lodrc 
und Verwundete erst, und baten sich denn die Köpfe 
aus, zu deren Transport sie eigene -rücke mitgebracht. 
Man wird meine Lage nicht beneiden. Wir Czekler 
verstehen meistens türkisch, ich hörte daher Oie Auf 
munterung zueilen, eh Sukkurs erschien, und keinen 
Dukaten zurückzulassen, es müßten zweihundert seyn. 
Davon waren ste also genau unterrichtet. Indem man 
nun über mich wegfchrcitct, und Kugeln, Spieße und 
Glieder über mich stiegen, bekömmt mein Pferd noch 
einen Schuß, der, weil noch nicht alles Leben weg 
war, eine konvulsivische Bewegung verursachte. Sie 
gab mir Luft, mein Bein wegzuziehn, und ich ergriff 
den Gedanken, mich wo möglich in den Rvhrsumpszn 
werfen. Schon hatte ich bemerkt, dnß einige der unr 
srigcn cs versuchten, doch erhaschten sie die Feinde. 
Das Schießen ward aber weniger, folglich gab die 
Dunkelheit Hoffnung. Zwanzig Schritt hatte ich nur, 
auch die Wahrscheinlichkeit zu versinken. Doch sprang 
ich über Pferde nnd Menschen, mehrere Türken nie-- 
dcrrennend, man griff, man hieb, doch Schnelligkeit 
und ein gutes Gestirn ließen mich den Morast erretchen. 
Ich sank anfänglich nur bis ane Knie, arbeitete mich 
wohl hundert Schritt im hohen Schilf fort, dann blieb 
ich aus Ermattung stecken. Ich hörte eine türkische 
Stimme: es sey ein Dsgaur entsprungen, man solle 
nach, andere erwiederten: es ginge nicht durch den 
Sumpf. Das ist das letzte, was mir noch erinnerlich 
ist; gleich darauf muß mich, den Verbluteten, eine 
starke Ohnmacht von mehreren Stunden befallen ha 
ben, denn als meine Besinnung wiederkehrte, stand 
die Sonne hoch. Der zwanzigste August war 
einer meiner ersten Gedanken, als ich mich bis an die 
Hüften versunken fand, und mir unter fühlbaren Haar 
sträuben die Bilder der Nacht vorschwebten. Jetzt 
zählte ich meine Wunden, es waren acht, doch keine 
von Bedeutung. Laurer Kerben vom Seitengewehr 
über Arme , Brust und Rücken. Ich trug einen dicken 
Pelz, da die Sommernächte dieser Gegenden kalt sind, 
und das hatte miich wunderbar geschützt. Nur war 
ich vom Blutverlust sehr ermattet, wiewohl im Ge 
brauch meiner Glieder. Ich latrfchte. Die Türken 
waren langst entfernt. Vom Wahlplatz tönte hin und 
wieder das Stöhnen schwerblessirter Pferde, die Men 
schen schwiegen wohl. 
Es dämmerte für mein Entkommen, ich versuchte 
mich loszumachen, nach stundenlanger Anstrengung 
gclanzs. Die Spur, wo ich hergekommen, war sicht 
bar, ich folgte ihr. So fühllos die Natur eines Tür- 
kenkricgs macht, so bangte dem Einsamen vor dem 
Anblick außerhalb des Rohrs. Ich trat hinaus, meine 
Blicke fielen auf das Empörende, wer malt aber mein 
Schrecken, als ich mich plötzlich von der Sette am Arm 
gepackt fühlte. Ein Arnaut, zugcschlichcn noch etwas 
Vergeßnes zu plündern, ein sechs Shuh hoher gräßli 
cher ^erl. O getäuschte Hoffnung des Lebens! Ich
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.