Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1810, [1])

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daß es gleichwohl dein beschädigten Theile benom 
men ist, seine Privat - Genugthuung selbst zu 
suchen, und seine Gerechtsame zu vertheidigen. 
Ein großer wesentlicher Vorzug gegen jene Ju 
stiz-Verfassung, wo die Verfolgung der Verbre 
chen nur den Privat - Leidenschaften überlassen 
war. Wo die ganze Staats - Gesellschaft mit 
tel- oder unmittelbar beleidigt worden ist, da 
darf auf die Gemüthsstimmung eines einzelnen, 
der verzeihen oder verfolgen will, nichts ankommen. 
Der Art. IO. schreibt daherj vor, durch wenn- 
und unter welchen Bedingnissen diese öffentliche 
Beamte und der beschädigte Theil die Vorla 
dung vor das Tribunal besorgen lassen müssen; 
und Art. ir. bestimmt die Vorladungs-Frist 
wenigstens aus 4 Tage. Da der Vorladende 
ohne Zweifel immer diese kürzeste Frist wählen 
wird, und es Fälle geben kann, wo solche zu 
kurz seyn möchte, so hat zwar die Kommission 
auf eine achttägige angetragen, welche aber aus 
dem Grunde nicht gestattet worden ist, weil 
der Tag der Vorladung und des Erscheinens 
nicht mitgerechnet, für jede Entfernung von Z 
Meilen noch ein Tag zugegeben, und daher um 
so mehr für zureichend gehalten worden ist, als 
die Verfolgung der Vergehen in der Regel ei 
nen raschen Gang verlangt, 
Zm Art. iZ. ist fcstgesezt, daß wenn der 
Vorgeladene nicht erscheint, in Contumaciam 
gegen ihn erkannt, das heißt nach i.age der 
Sache gegen ihn ver-fahren werden soll. Wird 
er durch ein Contumacias Erkenntniß verurtheilt, 
dann kann er nach Art. 14. dagegen das Rechts- 
mittel der Opposition ergreifen, und er bezahlt 
nur dem Ankläger die durch das erste Verfah 
ren veranlaßte Kosten. Ist er durch solche un- 
vermuthete Zufalle am Erscheinen verhindert wor 
den, daß er nicht einmal eine Anzeige hat ma 
chen können, so soll das Tribunal keine Ge 
bühren für das Erkenntniß erheben. Eine billige 
selbst auf dje ungewöhnlichste Ereignisse berech 
nete Rücksicht. 
Der Art. 17. bestimmt die Art und Weise, 
wie der Ankläger, der beschädigte Theil, der 
Angeschuldigte, die Zeugen vernommen, und 
die öffentliche Instruktion geschehen soll. Diese 
Vorschrift gründet sich auf die Natur der Sa 
che, auf praktische Erfahrung, und kann mit 
hin nicht anderst als zwekrnäßig angesehen, 
werden. 
Vielleicht wäre besser gewesen, und die Kom 
mission hat deswegen darauf an-getragen: den 
Tribunalen in einzelnen dazu besonders geeig 
neten Fällen zu überlassen: die Zeugen nicht in 
Gegenwart des Anklägers oder des Angeschul 
digten zu verhören, sondern ihnen deren Aus 
sagen nur bekannt zu machen, weil mancher 
Zeuge nicht stark genug seyn möchte, dem einen 
oder dein andern, mit welchem er in besondern 
Verhältnissen stehet, die Wahrheit ins Gesicht 
zu sagen. Ist dasAmt eines Zeugen nicht schon 
lästig genug? soll es ihm dadurch noch schwerer 
ge-macht werden, daß dem untergebenen — dem 
zu Danck verpflichten — dem Schuldner zugemu- 
thet wird, seinem Vorgesetzten, seinem Wohlthä 
ter , seinem Gläubiger entweder das bczüchtigte 
Verbrechen, oder die Unwahrheit der Anklage 
von Angesicht zu Angesicht zu bekunden? wird 
nicht eben dadurch die Wahrheit zuweilen unter-- 
drückt, wenigstens oft verschleiert werden? 
Allein man hält den Grundsatz der Zeugcn- 
abhörung in Gegenwart des Anklägers und des 
Angeschuldigten so enge mit dem ganzen Gebäude 
der heutigen öffentlichen Instruktion der Vergehen 
verbunden, daß es durch eine Abänderung darinn, 
in seinen Grundpfeilern erschüttert werden würde, 
und die Bemerkung Ihrer Kommission ist daher 
nicht angenommen worden. Wir wollen hoffen', 
daß das, was dadurch vielleicht zur Verdunklung 
der Wahrheit geschehen kann, auf der andern Seite 
wieder zu ihrer Beförderung gereicht; indem nicht 
zu verkennen ist, daß durch eine solche Zusam 
menstellung dem einen und dem andern Theile die 
Mittel erleichtert werden, dem sich irrenden, leicht-
	        

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