Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1782)

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Hufen und Hufeisen der Pferde so viele Genauigkeit anwendet, man feine eigene Fußbekleidung 
Unwissenden, der lächerlichsten Mode und dem verdorbensten Geschmacke folgenden Handwer 
kern überlasse, da doch der Schuh oftmals den Fuß verunstaltet, Leichdornen u. d. gl. erreget, > 
und nicht selten das Gehen unmöglich wacht. Erfahrung und Nachdenken lehren, daß nichtetue 
jede Schuhform wegen des Pflasters in ollen Städten gleich bequem seyn könne, z. 23. ein im 
Haag bequemer Schuh ist es nicht für Amsterdam, oder Leuwarden und Gr-niugen. Denn u« 
den Schwerpunkt des Körpers gehörig zu unterstützen, muß der Absatz am Schuh mehr nach 
vorwärts, als gewöhnlich, laufen, und höher für ein unebenes, als für ein ebenes Pflaster seyn. 
Er gründet seine Untersuchung auf die Anatomie und Theorie des Borellus. Frauenzimmer ha 
ben ihrer brettern Hüften wegen einen andern Gang, als Mannspersonen, Kinder einen andern, 
alS Erwachsene, Große einen andern, als Kleine; hochschwangere müssen mehr auf den Fersen, 
als ausserdem gehen- und Bäuerinnen gehen, weil ihr Schuhabsatz nicyt hoch und dünne ist, 
sicherer und bequemer. Dir Fußspitzen bey Wohlerzogenen sollen beständig auswärts stehen, bey 
Landleuten stehen sie nach innen; aber die Wendung nach aussen ist besser, weil sie bekantlich heu 
Körper besser unterstützt- daher denn auch die Fausse Position in der Tanzkunst ihren guten na 
türlichen Grund hat. 
Die Füße haben einen ähnlichen Mechanismus mit der Hand, und man hat wohl Leute 
gesehen, die in Ermangelung der Hände mit den Füßen Federn geschnitten und geschrieben ha 
ben. Unsere Schuhe aber sind gleichsam ersonnen, allen Mechanismus des Fußes fast vorsetzlich 
zu vernichten. Obgleich der große Zehe kürzer ist, als der andere, so drücken doch die zugespitz 
ten Schuhe die Zehen so gewaltig zusammen, daß sich oft ein Zehe aus Mangel am Raum über 
den andern hinschiebe« muß. Daher rührt es, daß der große Zehe nach aussen gedrückt und zum 
Gehen unbrauchbar.gemacht wird, und er auch nothwendig bry engen Schuhen schwellen muß. 
Bey Frauenzimmern macht gar die Fußsohle, die sonst eben ist, einen Bogen. Durch den hohen 
Absatz wird der Fuß bey Frauenzimmern kürzer, weil um so viel, als die Höhe beträgt, er a« 
der Länge verliert, und die Knochen der Fußwurzel verändern sich so sehr, daß die Fußsohle zu 
letzt aar nicht mehr in eine gerade Lage gebracht werden kan. Es verursacht daher der verkürz 
te Äadenmuskel Schmerzen, wenn Personen, die auf hohen Absätzen zu gehen gewohnt gewesen 
sind, ohne Schuhe gehen sollen; darum gehen mit Recht die gemeinen Frauensleute in Holland 
gern i« Pantoffeln. Schon Andry hat bemerkt, daß hohe Absätze an Schuhen den RückgrUd k 
sunger Mädchen krümmkn. Gebührende, die hohe Absätze tragen, sind gezwungen, sich nach 
brüten zu beugen; dadurch krümmen sich die Lendenwirbelbeine nach einwärts- und verursachen, 
daß sich der Kopf des Kindes einkeilt. Billig sötte daher der Absatz £ der Fußlänge haben, 
denn die Basis des Absatzes muß von Rechtswegen just in die Linea propensionis fallen. Da 
unsere Schuhe' also gemacht werden, daß das Diagonal die Schuhsohle genau in zwey glef- \ 
che Halsten theilet, «eil ein Schuh über beyde Füße passen muß, so verursachen sie ein Drücken, 
indem das innere Stück des Fußes beträchtlich stärker ist, als das äußere. Auf den Dörfern 
in Holland hat man indrffeu die sehr vernünftige Gewohnheit, jedem Fuß seinen besondern Schuh 
zu machen, weil der rechte.dem linken gar nicht gleich ist. Die hölzernen Schuhe werden j- l 
ebenfalls mit dieser Vorsicht gemacht, warum soll denn unser Schuh durchaus eine symmetrische 
Form haben, die der Fuß gleichwohl nicht hat? Die Beschaffenheit des Schuhes hindert oftmal- 
au dem bequemen Gehen. Um sich also nicht zu stoßen, muß man sich just so hohe Absätze nisti 
eben lassen, als die meisten Pflastersteine des Orts, an dem man lebt, hervorstehen. Sonderbar 
ist es- daß das vornehme Frauenzimmer just so, wie die vierfüßigen Thiere, meist auf den Zehep „ 
gehet, dahingegen Frauensleute, die viel gehen müssen, die Mannsschuhe vorziehen. Fürhiv-' * 
kende Personen indessen ist es nothwendig, daß sie hohe Absätze am kranken Fuße tragen, denn 
sovst-würde sich das Knie des gesunden beugen, und dadurch den labmen Fuß noch mehr ver, 
schlimmern. Iu Ansehung der Hackenstücke versehen es unsere Schuster ebenfalls, indem es nicht 2 
gleich gilt, wo die Schnalle sitzet. Sie muß weder zu hoch, noch zu niedrig, sondern just auf 
; ' ~ , dem 3
	        

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