Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1772)

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den lang, unter dem Wasser gelegen, wieder zum Leben gebracht worden, von den ersten, die 
den Ertrunkenen antreffen, ganz aus dem Wasser genommen, und gleich unverzüglich nach Be 
schaffenheit der Jahreszeit und Witterung, entweder in freyer Luft, oder in einem nah gelegenen 
Hanse in ein mäßig warmeS Zimmer gebracht, ihm die nassen Kleider ausgezogen oder wegge 
schnitten, er selbst aber weder auf den Kopfgekehret, noch in oder über ein bewegtes und geroll 
tes Faß. gerüttelt, sondern wo es zri haben auf ein warmes Bett geleget, demnächst ihm Arm 
und Beine, Brust und Rücken, auch übrige Theile mit warmen erst trockenen Tüchern', welche 
bald hernach mit warmen Wein oder Brandewein befeuchtet werden müssen, fleißig und lange 
stark gerieben, auch der Körper zuweilen aufgerichtet, geschüttelt und im Rücken und auf der 
Brust geklopfet, gleichwie der Bauch wiederholtermaassen sanft hinauf- und hnrnnterwerts gc- 
drücket, auch hin und her gerieben werde« muß.- Indem dieses geschiehet, oder gleich bald darauf 
muß von einem Helfer, der vor den andern eine starke gesunde Brust hat, fern Mund auf des 
ertrunkenen Mund geleget, und neben zugedrückter Nase des letzter», vieler warmer Athem mit 
aller Kraft eingehaucht oder eingeblasen, utib dieses oft nacheinander mit aller Athcmokraft ge- 
schclien, und mehrmals wiederholet werden. Mittlerweile muß ein anderer Helfer, umTobacks- 
rauch in den Asster des Ertrunkenen bringen ;n turnen, in aller Eil ein paar Tabackspfeifen mit 
Taback anfüllen, anzünden, und die beyden angefüllte Köpfe der Tabackspfeifen mit ihren Oeff- 
nungen mittelst dazwischen gelegter paar dünnen Hölzger, damit sie Luft zum Brennen haben, 
dergestalt aufeinander legen, und durch Bindfaden befestigen, damit das Ende der einen Ta 
backspfeifen in den After gebracht, das andere Ende aber der entgegen über stehenden Tabacks- 
röhre von jemand in den Mund genommen, und so der Tabacksranch in den Mastdarm und Un 
terleib des Ertrnnkenen geblasen werden könne, und zwar oft und anhaltend, als worauf nach 
den Exempeln, worin das Tabacksrauchs-Klystir von vorzüglicher Wirkung gewesen zu seyn schei 
net, vieles ankommt. Zn gleicher Zeit wird mittelst einer mit Ocl bestrichenen, und in den Mund 
gebrachten und hinunter bewegten Feder der Schlund oder die innere Kehle des Ertrunckene« 
sanft und wiederholt als znm Erbrechen gereitzet, auch etwas weniges Pfeffer durch einen Feder 
kiel in die Nase geblasen. Gleich von Anfang an, um keine Zeit verstreichen zu layen, und 
während dieser Bemühungen, muß Feuer angezündet, und in Kesseln nnausgelaugte Asche, und 
in deren ungnügsamen Vorrat!), oder Ermangelung, auch Sand gewännet werden, so viel daß 
man den ganzen Körper des Er trunkenen in ein Bert gelegt, mit der entweder puren oder mit 
Sand vermischten trockenen warmen Asche rund umher, nur das Gesicht, ansgenonnnen, etliche 
Finger hoch bedecken könne, und in dieser wannen Asche oder Sand laßt man den Kranken lie 
gen, biß ein herbeygernfener Chirurgus ihm die äussere Drossellader öffnen könne, und eine nach 
bem scheinbaren oder bekannten Alter, Starke und Grösse des Ertrunkenen abgemessene Aderlaß 
vornimmt, und mit gehörigem Instrumente ein ordentliches.Labacksrancbs-Klystler beybringt, 
auch das übrige nöthige, es seye Bronchotomic oder andere Mittel, nach seiner hierüber erlang 
ten Einsicht, oder unterm Beystande und mit dem Rathe eines Medici besorget. Nachdem der 
Kranke durchs Reiben des Körpers, und durch die aufgelegte warme Asche oder Sand erwärmet, 
könten beyde Waden oder Fußsohlen mit einem heissen Eisen leichthin berührt und ein wenig ge- 
senget oder verbrannt werden, um zu versuchen, ob nebst obigen Mitteln.auch durch diesen Wa 
den- oder Fußsolen-Rritz das Atheniholen aufs neue tönte erweckt werden. 
Was zwcytens die von starker Kalte und Frost Erstarreten und im Schnee als todt gefundene 
Menschen betrifft; So dürfen selbige nicht m einen warmen Ort, an keinem Ofen oder Feuer 
und in kein warmes Bett gebraßt, sondern müssen in einem kühlen Zimmer hingelegt, und et 
liche Hand hoch mit Schnee, Mund und Nase ansgenonnnen, bedecket, oder in Ermangelung 
Schnees in ein kaltes Bad, nemlich in eil» Faß oder Bütte mit kaltem Wasser, wozu man, 
wannS nicht kalt genug wäre, noch Eißstücke mischen könnte, bis an den Mund gesetzet, und so 
lange, als entweder steh an der Haut des Erfrorncn etwas von einer dünnen Eisglasnr ansetzen 
möchte, oder dis die Glieder ansingen biegsam zu werden, mit Vorsicht und Verhütung deS 
sonst möglichen Untersinkens des Mundes darin gehalten werden, bis so lange, und wann da-
	        

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