Full text: Casselische Polizey- und Commerzien-Zeitung (1752)

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bestimmet wird, sind eben so verschieden, 
daß man auch die Weißheit des Höchsten 
Beherrschers dieser Welt allerdings be 
wundern muß, der diese Regungen unter 
den Bewohnern des Erdkreyses dergestalt 
ausgetheilet hat, daß keine einzige Lebens 
art von Menschen, ungewehlet undunbe- 
setzet bleibt. 
Allein, es ist sehr zu bedauren, daß die 
wenigsten den natürlichen Trieb oder Nei 
gung , die man wohl einen Ruf der Natur 
zu dieser oder jenen Lebensart nennen möch 
te, zum Bestimmungsgrunde solcher Wahl 
gebrauchen. Gewiß, wenn diejenigen, 
welche dem Staat junge Bürger zu ziehen, 
hierin mehr Vorsichtigkeit gebrauchten; so 
würden Staaten und Länder eines großen 
Theils verunglückter, beschwerlicher und 
schädlicher Glieder entlediget bleiben. Al 
lein so bestimmen öfters der Eigensinn, die 
Unachtsamkeit und Thorheit der Eltern, 
das Schicksal chrer Kinder und künftiger 
Bürger der Welt. 
, Wie mancher Handwercksmann führet 
seinen Sohn blos deswegen zu derjenigen 
Handthierung an, worinn er selbst sich von 
der Vorsehung gesetzt siehet, weil er einen 
ziemlichen Vorrath Handwercksgeräthe 
hinterläßt, welchen er fremden Händen zu 
überlassen gar nicht willens ist. Und wie 
mancher Gelehrter hat schon aus eben die 
ser Ursache seinen Sohn zum Bürger in 
der gelehrten Welt bestimmet, ehe er noch 
die Kräfte desselben recht geprüfet, ob er zu 
einem Gelehrten tüchtig sey? Wie viele 
Eltern halten ihre Kinder blos deswegen 
von dieser oder jener Lebensart ab, weil sie 
entweder dem Vater oder der Mutter nicht 
gefällt, es mögen die Kinder gleich darzn 
Lust haben oder nicht. Wie manche El 
tern möchten gerne aus ihren Kindern et 
was großes zichen,und haben darzu keinen 
andern Grund, als daß sie es gerne wünsch 
ten. Unter fcermt, die begütert, oder über 
den bürgerlichen <Ltand erhaben sind, trist 
man eben dergleichen Fehler an. Wie 
manches Kind wird dem geistlichen Stande 
gewidmet, das sich doch dereinst zu nichts 
weniger, als zu einem muntern Wächter 
auf Zions Mauren schicket; Wie viele an 
dere werden zu Handhabung der Gerech 
tigkeit bestinnnet, die doch selbst wenig 
Neigung von sich blicken lassen, die unver 
letzlichen Gesetze genau zu beobachten; 
Noch andere müßen deswegen Gelehrte 
werden, weil sie weder in derBrust wohl 
verwahret, und mithin zum Soldaten sich 
nicht schicken, noch auch witzig genung, 
daß sie zu Beförderungen tauglich seyn sol- 
ten ; Da im Gegentheil manche geschickte 
Köpft in den niedrigen Ständen verderben 
und unbrauchbar bleiben, weil sie unbe- 
kanm sind, und nie Gelegenheu haben, 
hervorzutreten, und einen Posten zu erlan 
gen, zu dessen Bekleidung sie doch tüchtig 
seyn könnten. 
Die Schuld also, daß so viele Kinder 
in der Welt oftmahls unglücklich werden, 
lieget guten theils an den Eltern, oder de 
mjenigen, so deren Stelle vertreten, weil 
sie die Gemüthskräfte und Neigung derer 
Unmündigen nicht genugsam beurtheilen, 
sondern deren künftigen Lebensart nachah 
mn eigenen Gutdünken bestimmen. Sie 
arbeiten, so zu reden, recht mit Fleiß dar 
an, die unschuldigen Kinder dereinst un 
glücklich zu machen. Und solches geschie 
het auf vielerley Art und Weise. Wir 
wollen hier nur eine der vornehmsten berüh 
ren,welchegemeiniglich den stärksten Bewe 
gungsgrund in sich hält,warum dieKinder 
diese oder jene Lebensart erwählen müßen. 
Äiele Eltern oder Vorgesetzte sind nicht 
vorsichtig genung, auf das Thun und Lassen 
ihrer
	        

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