Volltext: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

nun die Bibliothek bereitgehalten wurde, nicht so sehr auf ernste Arbeit als auf Unter- 
haltung und Zerstreuung ankam, genügte es vollauf, den Zutritt an vier Wochentagen je 
zwei Stunden offenzuhalten - die Bibliotheksordnung von 1788 hatte für alle Wochentage 
je 7 öffentliche Stunden festgelegt und für die Entleihung von Druckschriften - nur für 
Handschriften war noch eine besondere Erlaubnis erforderlich - eine Frist von vier 
Wochen vorgesehen! 
Daß die durch Strieders Abgang und Völkels Aufrücken frei gewordene 2.Biblio- 
thekarstelle mit einem Mann besetzt werden würde, der sich der neuen Regierung unbe- 
dingt willfährig erwies, war mit Sicherheit anzunehmen; daß ein solcher Mann sich in 
Hessen selbst fand, war zweifellos eine schmerzliche Enttäuschung vor allem auch für 
Völkel, der auch unter den neuen Verhältnissen dem alten Staat die Treue hielt. Am 
31.Dezember 1807 bewarb sich Friedrich Murhard, der 1778 in Kassel geboren war 1""), 
um die Bibliothekarstelle in einer Eingabe unmittelbar an den König, in der er in schwül- 
stig-überschwenglicher Weise die Segnungen des neuen Staates pries und dem König seine 
Huldigung zu Füßen legte; dabei sprach er von sich und seiner bisher geleisteten Arbeit 
in Tönen, die nicht gerade Bescheidenheit atmeten, und faßte seine Wünsche dahin zu- 
sammen: „Daignes, Sire, agreer cet hommage respectueux d'un de Vos plus fideles sujets, 
daignes encourager son zele et son amour pour le travail en lui confiant la garde de la 
bibliotheque publique de Cassel, et en permettant que le tractement attache a cette place, 
a cet heure vacante, soit partage avec Pancien bibliothecaire, qui a demande sa retraite." 
Da man sein Flehen nicht sofort erhörte, richtete er dasselbe Schreiben, nur mit einem 
unbedeutend veränderten Schluß, am 2. Februar nochmals an den König; am 9. Februar 
bedachte er den Justizminister mit demselben, nur wenig abweichenden Schriftstück, und 
der Minister des Innern mußte am 1. März ein wohl anders gehaltenes, aber auf denselben 
Ton gestimmtes Schreiben entgegennehmen. 
Völkel scheint erst nach einiger Zeit von der Bewerbung Murhards erfahren zu 
haben; nach den noch vorhandenen Schriftstücken ist er erst im April in die Lage ge- 
kommen, dazu Stellung zu nehmen. Hierüber berichtet er in seiner Niederschrift über 
„Die Beraubung des Museums und der Bibliothek zu Kassel durch die Franzosen und der 
Bau des westphälischen Ständesaals": „. . .warb Taurinius Flacius Murhard um die an der 
Bibliothek vacante Stelle. Taurinius nenne ich ihn wegen der erlogenen Reise nach Con- 
stantinopel, Flacius, weil er aus Büchern der Göttinger Bibliothek Kupferstiche ausge- 
schnitten hat, die der verstorbene Professor Schönemann wieder rettete. Johannes von 
Müller war sein Patron. Er ließ mich befragen, ob ich ihn zum Collegen gern annähme 
und ich schrieb ihm, es könne mir nicht gleichgültig sein, wenn ein Mann, der im Publi- 
kum nicht den besten Ruf hätte, als mein Gehülfe angestellt würde. Ich wolle ihm indeß 
nicht im Wege stehen, sondern lieber, sobald es sich schicke, aus dem Wege treten"1'"). 
Der Vorwurf der „erlogenen Reise nach Constantinopel" bezieht sich auf das dreibändige 
Werk „Gemälde von Konstantinopel", Prag und Leipzig 1804, das Murhard nach Völkels 
Meinung geschrieben hatte, ohne Konstantinopel und den Orient je gesehen zu haben; er 
nannte ihn deshalb „Taurinius" nach einem Zacharias Taurinius (nach Kaysers Bücherlexi- 
kon soll dies ein Deckname für „Dambergerf auch „Jos. Schrödter" genannt, sein), der 1799 
bis 1801 ein dreibändiges Reisewerk veröffentlichte, ohne die Erdteile und Länder, die 
hier beschrieben werden - nur Australien fehlt - je gesehen zu haben. Dieser Vorwurf 
Völkels war offenbar unbegründet; wenn auch andere Nachrichten über diese Reise Mur- 
 
106) Über ihn vergl.Brunner, Zeitschrift für hessische Geschichte, 54. 
107) Zeitschrift für hessische Geschichte, Bd. 19, 1882, 8.275. 
1924. 
S. 238 ff.
	        

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