Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

die am 28. August 1807 in Kassel eingetroffen waren, erschienen schon nach vier Wochen 
in der Bibliothek und erließen als Frucht dieses Besuches am 25. September eine scharfe 
Verfügung, nach der alle ausgeliehenen Bücher sofort zurückgefordert werden mußten 
und weitere Verleihungen nur mit ausdrücklicher Genehmigung der Regierung erfolgen 
durften. „Vous ne devez pas perdre de vue, que vous en etes responsable" - dieser Satz 
zeigte schon in seinem Ton, daß eine Benutzung der Bibliothek in Zukunft nur noch so 
weit in Betracht kam, wie es den Regenten und ihren Organen genehm schien. Ein Ver- 
zeichnis der Erlaubnisscheine, die in den Jahren 1807-1813 ausgestellt worden sind, führt 
44 Personen auf, meist Beamte, Offiziere oder dem Hofe Nahestehende; nichtbeamtete, der 
eingesessenen Bevölkerung entstammende Benutzer fehlen gänzlich 1'"). Zur Ausstellung 
dieser Erlaubnisscheine war die General-Direktion des öffentlichen Unterrichts berechtigt; 
tatsächlich wurden sie aber auch vom Ministerium des Innern, der Justiz, ja mehrfach 
auch von Ministern persönlich ausgestellt. Daß alle amtlichen Schriftstücke, soweit sie 
von französischen Beamten ausgingen, ausschließlich in französischer Sprache gehalten 
waren, erschien wohl als selbstverständlich; sogar Strieder hat seine letzte Abrechnung 
am 8. Mai 1808 mit einem französischen Begleitschreiben vorlegen müssen 105)! Erst nach 
und nach hat sich die deutsche Sprache ihre Gleichberechtigung - mehr ist überhaupt 
nicht erreicht worden - wieder erkämpfen müssen. 
Der Benutzungssperre vom 25. September 1807 folgte am 4. Juni 1808 ein „Regle- 
ment concernant la Bibliotheque royale de Cassel", unterzeichnet von Simeon, der in- 
zwischen Justizminister geworden war. Diese in ihrer knappen Fassung vorbildliche 
Bibliotheksordnung führte sich ein mit der Behauptung, der König wolle die Bibliothek 
„dem Publikum und den Gelehrten zur Benutzung übergeben" - eine Behauptung, die 
durch den Inhalt der Ordnung nur allzu sehr Lügen gestraft wurde. Sie besteht aus 
4 Punkten: 
„1. Die Bibliothek soll bis auf weitere Verfügungen alle Montage, Mitwochen, Donners- 
tage und Freitage von 10 Uhr bis Mittags 12 Uhr für Jedermann offen stehen. 
2. Niemand von den zugelassenen Personen hat die Erlaubniß, die Bücher von ihren 
Plätzen wegzunehmen und auf die Gallerie zu gehen. Wünscht jemand ein Werk 
zu lesen, so muß er sich an die Bibliothekare und den Registrator wenden. Diese kön- 
nen niemand die Lektüre eines Buchs, das sich innerhalb der Bibliothek befindet, 
verweigern. 
3. Alle Minister Sr. Majestät, die Groß-Beamten am Hofe und bey der Armee, die Staats- 
räthe und Mitglieder der höheren Tribunale können allein, so wie auch diejenigen 
Gelehrten, welche eine besondere Erlaubniß dazu erhalten haben, gegen Handscheine 
Bücher auf der Bibliothek geliehen erhalten. Aber nach 14 Tagen müssen sie dieselben 
wieder zurückerstatten oder den Handschein erneuern lassen. Die Bibliothekare sind 
für die Vollziehung dieser Maßregel verantwortlich. 
4. Wörterbücher, Prachtwerke und Bücher, welche aus einer Menge von Bänden be- 
stehen, sind jedoch hiervon ausgenommen, und dürfen unter keinem Vorwand außer- 
halb der Bibliothek verliehen werden. 
Mit dieser „Benutzungs-Ordnung" war die Bibliothek allen denjenigen, die nicht 
zu einer der wenigen bevorzugten Gruppen gehörten, tatsächlich versperrt; wie wenig 
man auf andere, etwa den gelehrten Kreisen entstammende Benutzer rechnete, zeigt schon 
die lächerlich geringe Zahl der ausgestellten Erlaubnisscheine. Da es den Kreisen, für die 
 
104) A. L. B. v, 21. 
105) A. L. B. v, 13. 
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