Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

in ihren Untersuchungen Anweisungen geben muß. Er darf also in keinem theile gelehrter 
Kenntnisse ein Fremdling seyn, und muß vom größten theil derselben wenigstens die 
Oberfläche besitzen. Alles dieses erfordert eine unermeßliche Belesenheit, mühsames Stu- 
dium und Nachdenken, folglich Zeit und Eingezogenheit. Ein Bibliothekar der seine Ar- 
beiten auf bloßes betrachten und bewachen seiner Schätze einschränkt, wird bald bequem, 
ungenießbar, pedantisch und einseitig, und weiß am Ende von der" Welt so wenig wie sie 
von ihm: S0 etwas erfolgt sehr leicht, denn nichts in der Welt lernt sich leichter als 
lndolenz und trägheit. Einem Manne in den Jahren des Jugend Feuers und der Wiß- 
begierde der die ihm verliehenen Kräfte auszubilden und anzuwenden sucht muß es wehe 
thun, wenn er sich aller weiteren vervollkomnung entreißen und blos auf beschauliche 
Amtsverwaltung einschränken soll. Durch die vorhinnige Verfassung wird der Zweck der 
Bestimmung eines Bibliothekars am besten erreicht, das Publicum hat jeden tag der Woche 
gelegenheit, die Bibliothek zu benutzen, und der Bibliothekar behält Zeit, sich weiter aus- 
zubilden, und durch Edirung wichtiger Schriften seinem Fürsten und seinem Posten Ehre 
zu machen." Manches in diesen Gedankengängen ist überholt; anderes aber, und das sind 
gerade die Grundzüge, zeugt von großzügiger Auffassung und ist heute noch so berechtigt, 
wie es am Ende des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich war. Der Landgraf dachte anders und 
band seine Bibliothekare vor- und nachmittags an die Bibliothek. 
Die Instruktion vom 17.Juni 1788, die sachlich vollkommen mit Veltheims Vor- 
Schlägen übereinstimmt, verpflichtete Strieder eingangs auch als Hofbibliothekar der „alhier 
zu Weißenstein neu errichteten Bibliothek", sowie der im „Residenz-Schloß zu Cassel be- 
findlichen Büchersammlung" _ für diese blieb es bei der alten Ordnung, daß „ohne 
Unsern ausdrücklichen Befehl keine Bücher verliehen noch dem ein oder dem andern auf 
seine Cammer mitzunehmen gestattet werden" soll. Daß er bei Neuanschaffungen für 
diese beiden besonderen Sammlungen die Meinung des Landgrafen einholen mußte, war 
ebenso selbstverständlich, wie die gleiche Bindung an den immerhin außerhalb stehenden 
Direktor bei der „großen" Bibliothek unsachlich war. 
Mit dieser Instruktion war die „Revolutionf soweit die Dienstvorschriften und Ar- 
beitsanweisungen in Betracht kommen, überwunden; übrig blieb nur die Neubearbeitung 
des Katalogs, die Strieder sofort in Angriff nahm und mit unermüdlichem Fleiß und zäher 
Ausdauer durchführte - in 80 Foliobänden, die heute noch als Standortskatalog dienen, 
hat er die Bestände der Bibliothek systematisch verzeichnet und damit ein Werk geschaffen, 
das seinen Ruhm lauter und nachhaltiger verkündet, als alle landesherrlichen Anerken- 
nungen das vermochten. 
Denn daran hat es ihm nun nicht mehr gefehlt. Am 22. März 1786 war er zum 
.,wirklichen Bibliothecarius" mit dem Charakter als Rat und unter Zubilligung einer Ge- 
haltszulage von 200 Rthlr. (seine Besoldung betrug nun 450 Rthlr.) ernannt worden. Zwei 
Jahre später, am 24. Februar 1788 wurde er Hofbibliothekar und Hofrat, und am 21. Mai 
1803 Geheimer Hofrat - mit diesen Beförderungen waren neue Gehaltszulagen von 100 
bzw. 50 Rthlr. verb'unden. Im Jahre 1795 wurde er nach Schminckes Tod 1. Bibliothekar 
und damit Leiter der „öffentlichen" - wie sie in einem Protokoll des Geheimen Rats vom 
30.Mai 1788 zum erstenmal genannt wird _ Bibliothek; als 2. Bibliothekar stand ihm 
seitdem Ludwig Völkel 98) zur Seite. Die eigentliche Verwaltung behielt er aber selbst fest 
in der Hand; vor allem die Rechnungslegung blieb sein unbestrittenes Arbeitsgebiet. In 
wohltuendem Gegensatz zu den Abrechnungen seines Vorgängers Schmincke legte Strieder 
mit unbedingter Pünktlichkeit meist schon in den ersten Tagen des neuen Jahres Über- 
98) Über ihn vergLDuncker, Zeitschrift für hessische Geschichte. N. F. 9. 1892. S. 252 ff. 
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