Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

fährdung der Bücher werden. Auffällig ist, daß beide übereinstimmend darlegen, die Be- 
nutzung der Bibliothek sei durch Luchet eingeschränkt worden. Bis dahin habe jeder 
herrschaftliche Diener, auch Militär, „bis auf einen Secretarius" gegen Quittung für drei 
Wochen Bücher entleihen können - sogar auch Studenten, die ihre Quittung von einem 
Lehrer als Bürgen mitunterschreiben lassen mußten. Da diese Ausführungen in den vor- 
handenen Instruktionen, Anweisungen usw. keinerlei Unterlage finden, da im Gegenteil 
bisher immer wieder auf den Charakter der Bibliothek als Praesenzbibliothek hingewiesen 
und das Entleihen von einer ausdrücklichen Erlaubnis des Landgrafen abhängig gemacht 
wurde, sollte offenbar der neue Landesherr für eine entsprechende Änderung der Vor- 
schriften gewonnen werden. 
Bis zu deren Ausarbeitung verging freilich noch geraume Zeit; wo der Grund der 
Verzögerung lag, ist nicht festzustellen. Erst am 14. Juni 1788 erstattete der Hofmarschall 
von Veltheim, der -- nachdem die Bibliothek, die Kunstkammer und die Naturalien- 
Sammlung in einem Gebäude vereinigt worden waren - zum Direktor des „ganzen Insti- 
tuts" ernannt worden war, einen eingehenden Bericht, in dem er besonderen Wert darauf 
legte, daß seine Stellung als Direktor auch in der Instruktion für die Bibliothekare ent- 
sprechenden Ausdruck finde; er wünscht, daß die Bibliothekare angewiesen werden, „den 
Direktor als ihren gnädigst vorgesetzten Chef anzusehen, und zu respectiren ihn in allem 
was er anordnen und verfügen wird willige Folge zu leisten, nichts ohne Anfrage zu thun, 
und ihm alles was die Geschäfte und Verwaltung der Bibliothek betrift vorzutragen, und 
seine Entscheidung zu befolgen." Die hierin liegende außerordentlich weitgehende Bin- 
dung der Bibliothekare an den vorgesetzten Hofbeamten sollte nach Veltheims Wunsch vor 
allem darin unmittelbaren Ausdruck finden, „daß kein einziges Buch ohne schriftliche 
Genehmigung des Directoris angeschaft werden dürfte: daß zwar beyde Bibliothekare die 
Auswahl der neu anzuschaffenden Werke gemeinschaftlich besorgten, daß sie aber das 
hiervon aufzustellcnde Verzeichnis dem Directori zur Untersuchung und Prüfung zu über- 
reichen verbunden wären, welcher alsdann zu bestimmen hätte, was davon nach befinden 
des Gassen Vorraths angeschafft werden soll". Er begründete diese Forderung damit, daß 
er sagte: „Schwerlich wird sich ein Gelehrter finden, welcher nicht eine oder andre Lieb- 
lings Wissenschaft haben sollte: natürlich wird also der Bibliothekar b'ey der Auswahl der 
anzukaufenden Bücher auf seine Lieblings Wissenschaft vorzüglich Rücksicht nehmen, 
das Fach derselben zu vermehren suchen, und die übrigen Wissenschaften vernachlässi- 
gen." Er blieb aber auch in diesem Bericht jeden Nachweis darüber schuldig, daß er von 
solchen besonderen Neigungen frei und in der Lage sei, die Anschaffung der Bücher nach 
ausschließlich sachlichen Gesichtspunkten zu leiten. Es kann im Hinblick auf die Stellung 
der Beteiligten nicht überraschen, daß Veltheims Wünsche volle Berücksichtigung fanden; 
schon die kurze Zeitspanne, die zwischen Veltheims Bericht (15. Juni) und der Herausgabe 
der Instruktion (17. Juni) liegt, macht es verständlich, daß seine Vorschläge sachlich un- 
verändert übernommen wurden. Dabei war Veltheim durchaus auf dem richtigen Weg, 
wenn er die Aufgabe einer Fürstlichen „öffenlichen" - diese Bezeichnung tritt hier zum 
ersten Mal auf, findet sich aber nicht in der Instruktion, die nur von der „großen" Biblio- 
thek spricht - Bibliothek dahin umschrieb, „die kostbare prächtige Werke zu versammeln 
welche die Kräfte des Privat Mannes übersteigen". Er rannte aber offene Türen ein, wenn 
er auf die für die Bibliothek gegebene Notwendigkeit hinwies, die wichtigsten der zahl- 
reichen „periodischen Schriften, Magazinen, Memoiren, Bibliotheken und Sammlungen aller 
Arten in allen Fächern" bereitzuhalten und besondere Anweisung forderte, „daß die Biblio- 
thekare bei ihren Vorschlägen zuerst auf die incompletten Werke Rücksicht nehmen, da- 
mit selbige nach Maßgabe des Gassen-Vorraths ergänzt werden können, daß sie alsdann 
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