Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

begleitet gewesen, sondern es werden auch wiederum Jahre erforderlich seyn, um mit 
Mühe und Arbeit ein Werk wieder in die Gleise zu bringen, das vorhin mit Ehren dastand." 
Den Umzug in das neue Gebäude, wie er unter Luchets Leitung durchgeführt wurde, 
schilderte er in drastischer Kürze: „Hier wurden die Bücher in Haufen, so wie sie der Herr 
Marquis rangirt, wie Holzklafftern in die einigermaßen fertig gewordenen Zimmer hin- 
gesetzt, und in dem Bibliothekssaale selbst arbeiteten noch Schreiner und Weißbinder, als 
sie in die Reposituren aufgestellt worden. Als sie standen, wurden Leute gedungen, welche 
die Catalogen schreiben mußten; die Unkosten bloß für diese Schreiber erstreckten sich auf 
380 Rthlr., ohne was das Einbinden der Catalogen in prächtigen Franzband, ohne was das 
große Royal-Papier, dessen viel dazu gegangen, gekostet hat." Er schließt diese Aus- 
führungen mit einem Ausblick in die Zukunft, der als Arbeitsprogramm für die kommen- 
den Jahre angesprochen werden muß: „Und so stehet das ganze Werk, bey dem fast kein 
einziges Gefach ohne Unsinn gefunden werden wird, nun noch da, bis es in der Folgezeit 
aus der Prostitution gerissen werden darf, wozu jedoch gar kein Apparat, wenig oder gar 
keine Kosten, gar kein Projet, kein Anstrich von einer Reichsangelegenheit gleichsam, 
pp. nötig, sondern nur redlicher Fleiß und Patriotismus erforderlich seyn wird, um im 
Stillen und ohne Geräusch eins nach dem anderen vorerst wiederum in die alte Ordnung 
nach den alten Catalogen zu bringen, die ich glücklicher Weise in den Ecken gehalten und 
vor der ihnen immer gedrohten Verbrennung gerettet habe. Da Bibliothek ohnehin kein 
Ort ist, wo eines Hülfsbedürftigen Resolution oft von einem Tage abhängt, so halte ich es 
für wohl gethan, dem Gedanken etwan von einer raschen, schleunigen Abänderung, mit 
welcher kein guter Grund gelegt werden dürfte, nicht Raum zu geben." 96) 
Strieders Erwartung, daß sich die Dinge nun würden wenden müssen, war in dem 
Augenblick, in dem er diese Gedanken niederschrieb, bereits erfüllt: schon am 16. Januar 
hatte Landgraf Wilhelm den Reisehofmarschall von Canitz und den Geheimen Rat von 
Veltheim mit einer eingehenden Überprüfung der Bibliothek wie der sämtlichen sonstigen 
Sammlungen „nach denen davon vorhandenen Catalogis, Inventariis oder denen sonst dahin 
einschlagenden Nachrichten" beauftragt. 
Die beiden landgräflichen Beamten gingen ohne Säumen ans Werk, zogen zunächst 
die Schlüssel zur Bibliothek, die bis dahin von Luchet und Roccatani verwahrt worden 
waren, ein und förderten die Untersuchung so tatkräftig, daß sie bereits am 4.Februar 
den Schlußbericht erstatten konnten 97). 
Die Bibliothek zählte in diesem Augenblick nach einer von Strieder aufgestellten 
Berechnung 32 965 Bände und rund 1000 Handschriften. Von den Druckschriften fehlten 
25 Bände, deren Verlust z. T. Luchet, z. T. Nerciat zur Last gelegt werden mußte; Luchet 
hatte sich denn auch erboten, sie zu ersetzen. 
Von den Handschriften konnten die älteren Bestände nach einem von Arckenholtz 
aufgestellten Katalog ohne alle Schwierigkeiten nachgeprüft werden, wobei sich heraus- 
stellte, daß 16 Handschriften vorhanden waren, die sich im Katalog nicht verzeichnet 
fanden. Von neueren Handschriften waren „zwey gepropfte Schränke voll" vorhanden, 
„über welche ebenwohl kein Catalogus aufzuweisen stehet". 
Zu besonderen Verhandlungen gab die Rechnungsführung Veranlassung, die zwar 
seit 1779 Strieder übertragen und von ihm zu verantworten war, bei der er aber - wie er 
nun offenbaren konnte - „zu sehr unter der Rute" Luchets stand, als daß er sie nach seinen 
Grundsätzen hätte verwalten können. Es kann ohne weiteres angenommen werden, daß 
M. St. A. Casseler Geh-Bats-Akten. O. St. S. 7314. Nr. 9654, 
50
	        

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