Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

lischen und italienischen Literatur, in der Botanik und der allgemeinen Naturgeschichte 
sowie in der Anatomie empfindliche Lücken 8'). Es bedurfte aber erst einer ausdrücklichen 
Anordnung der Regierung, um Schmincke zu veranlassen, daß er eine - recht umfang- 
reiche - Liste der fehlenden Werke einreichte und den Antrag auf Bewilligung einer be- 
sonderen Summe für deren Beschaffung stellte. Es verging freilich ein volles Jahr, bis 
am 28.Juni 1772 zu deren Beschaffung „extra ordinem" 100 Rthlr. bewilligt und ange- 
wiesen wurden. 
Ebenso anstandslos wurde Schmincke am 31.Januar 1775 eine Gehaltszulage von 
118 Bthlr. bewilligt, „jedoch ohne consequentz für seinen Nachfolger"; daß ihm am 
23. April 1776 der Charakter als Regierungsrat beigelegt wurde, war wohl eine Anerkennung 
dafür, daß er seit Raspes Flucht neben seiner Archivar- und Bibliothekarstelle auch die 
Aufsicht über das Münzkabinett und die Kunstsachen führte. 
Landgraf Friedrich II. war unausgesetzt bemüht, die von seinen Vorgängern seit 
Generationen mit besonderer Sorgfalt gepflegten Sammlungen zu vervollständigen und zu 
vermehren. Dabei leitete ihn nicht so sehr der Gedanke an den in ihnen liegenden Bil- 
dungswert als das Bestreben, den äußeren Glanz seines Hofes und seiner Residenz zu er- 
höhen. Aus dieser seiner Einstellung ist der Plan erwachsen, die an verschiedenen Stellen 
der Stadt untergebrachten Sammlungen in einem großen Gebäude zusammenzufassen, das 
zugleich eine neue Zierde seiner Hauptstadt werden sollte. Ein Baumeister, der dieser 
Aufgabe gwachsen war, stand ihm in Simon Louis du Ry zur Verfügung -- im Jahre 
1769 wurde mit dem Bau begonnen, dessen Oberstock zur Aufnahme der Bibliothek be- 
stimmt war, nachdem der Plan vom Jahre 1764, die Bibliothek in das Riesische Haus an 
der Bellevue zu verlegen, aufgegeben worden war. 
Es war nach dem Geist der Zeit durchaus selbstverständlich, daß die Leiter der 
Sammlungen, die -in dem Gebäude untergebracht werden sollten, zu dessen Planung über- 
haupt nicht herangezogen wurden; der Entwurf im ganzen wie die Ausgestaltung im ein- 
zelnen war ausschließlich Sache du Ry's, der natürlich in enger Verbindung mit dem Bauherrn 
und nach dessen Wünschen arbeitete. Die Bibliothek kam dann auch erst zwei Jahre nach 
Beginn des Baues und auch nur dadurch, daß sie selbst sich meldete, zu Wort; bis dahin 
war ihr nicht die geringste Mitteilung zugegangen. Schmincke und Raspe konnten durch- 
aus zutreffend darauf hinweisen, daß die Verhältnisse, die sie im neuen Gebäude vorfin- 
den würden, auch schon ihre jetzige Arbeit maßgebend beeinflussen mußten, daß es vor 
allem für die Arbeiten am Katalog wichtig war zu wissen, welcher Baum dafür zur Ver- 
fügung stehen würde; es hätte daher im Grunde selbstverständlich sein müssen, was sie 
erst zu beantragen gezwungen waren, „daß uns von den zur Bibliothek bestimmten Sälen 
und Gabinetten eine Grund- und Aufris Copie mitgeteilt werden mögeu"). Diesem An- 
suchen ist offenbar entsprochen worden; in einer undatierten, aber zweifellos als Fort- 
gang des ersten Berichts aufzufassenden Vorstellung werden Bedenken erhoben wegen der 
auch für die Fensternischen vorgesehenen Büchergestelle, in denen die Bücher der un- 
mittelbaren, schädigenden Wirkung des Lichtes ausgesetzt sein würden - auf sie ist denn 
auch verzichtet worden. Auch die für den großen Saal vorgesehenen Galerien werden bie- 
mängelt, „hauptsächlich aus dem Grunde, weil die prächtige Collonade in beiden Säulen- 
Sälen durch die Gallerien ein merkliches von ihrer Schönheit verliehren"; sie wurden nur 
für den Fall als zweckmäßig und notwendig anerkannt, daß zur Überwindung der Ge- 
stellhöhe nur Leitern und Treppen in Frage kommen sollten, „die blos mit Händen ge- 
89) A. L. B. Xa, 4. 
90) Bericht Schminckes u. Raspes, d. d. 18. September 1771. 
A. L. B. IV, 4. 
(n. 
43
        

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