Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Ein Jahrzehnt später fiel der Bibliothek die schönste und wertvollste Erwerbung zu, 
die sie je hat machen können, die „Pfälzer Erbschaft" i"). Der 1685 verstorbene Kurfürst 
Karl von der Pfalz war ein Enkel Landgraf WVilhelms V., dessen Tochter Charlotte 1650 
den Kurfürsten Karl Ludwig von der Pfalz geheiratet hatte. Es war für seinen Nachfolger 
in der Kurwürde, Philipp Wilhelm aus dem Hause Neuburg, eine peinliche Überraschung, 
daß sich in Karls Nachlaß ein Testament fand, durch das die gesamte Ausstattung der kur- 
fürstlichen Schlösser, Güter und Festungen an andere Verwandte vermacht wurde - dem 
Landgrafen Karl von Hessen, einem Vetter des Erblassers, waren zugedacht drei halbe 
Karthaussen, vier zwölfpfündige und ein einpfündiges metallenes Stück, alle goldenen und 
silbernen nichtantiken Medaillen, die wertvollen Gobelintapeten von Paulus' Bekehrung 
und von Bacchus und schließlich die ganze kurfürstliche Bibliothek. Daß in dem Testa- 
ment Personen aus der Umgebung des verstorbenen Kurfürsten in ungewöhnlichem Maße 
bedacht waren, ließ den Verdacht aufkommen, daß Kurfürst Karl bei der Abfassung dieses 
Testaments starken Beeinflussungen ausgesetzt worden war _ ein Verdacht, der um so 
begründeter erschien, als mit Karl ein willensschwacher, kaum noch als zurechnungsfähig 
geltender Mann dahingegangen war. Es fand sich denn auch ein früheres Testament, das 
nach Verhandlungen mit den fürstlichen Verwandten, die - um dadurch ihre Unter- 
stützung für das zweite Testament zu gewinnen _ in diesem besonders bedacht worden 
waren, für allein gültig erklärt wurde. Die Erbschleicher traf harte Freiheitsstrafe oder 
Ausweisung aus dem Kurfürstentum. 
Auch nach dem nun als allein gültig anerkannten Testament fiel dem Landgrafen 
die Heidelberger Hofbibliothek zu, die einschl. der Handschriften aus ungefähr 5300 Bän- 
den bestand. Zu ihrer Übernahme entsandte Karl den Kur-Mainzischen Rat Dr. Reinhard 
Jungmann, der als Sohn des hessischen Konsistorialpräsidenten Justus Jungmann sein be- 
sonderes Vertrauen genoß. Am 19. März 1686 bevollmächigte er ihn, mit dem Vertreter 
der Herzogin Elisabeth Charlotte von Orleans, die als Schwester des verstorbenen Kur- 
fürsten die Haupterbin war, dem Rat Fremyn de Moras, wegen der Übernahme der Biblio- 
thek zu verhandeln. Dieser hatte sich, wie der Landgraf am 13. April 1686 an Jungmann 
mitteilte, dem in Heidelberg anwesenden hessischen Bat und Hofmarschall Wilhelm von 
Hoff gegenüber zur Ausfolgung der Erbschaft, die am 29. oder 30. April erfolgen solle, 
bereit erklärt. „Und" -- so fährt Karl fort - „weil sonderlich die Uns vermachte beyde 
Bibliotheken etwas weitläufig und sonderlich des Churfürsten Karln Christmilden an- 
denkens mit beygehenden Verzeichnes in 5322 stuck bestehend, habt Ihr dahin zu sehen, 
daß Euch die völlige Anzahl ausgeliefert und nichts unterschlagen werde. Zu dem Ende 
Ihr Euch ahn den Bibliothecarium zuvorderst zu halten und von demselben Euch aller von 
ihm erlangenden Nachricht gegen Versprechung einer recompens in Unserem Namen zu 
bedienen habt." Jungmann, der den Auftrag des Landgrafen am 17.April angenommen 
hatte, berichtete am 23. April über ein Gespräch mit Moras, der in andern Punkten des 
Testaments Schwierigkeiten mache, die Bibliothek aber ausfolgen lassen wolle, von der er 
[Jungmann] „Vernommen, daß sie meistens in Historien, Philosophischen und Geistlichen 
Reformierten Büchern bestehe undt der in den Vaticanum zu Rom gebrachten nicht gleich 
sey". Wenn nun Jungmann gehofft hatte, seine Aufgabe rasch erledigen zu können, so sah 
er sich darin bald getäuscht: Kurfürst Philipp IWilhelm, dem es schwer werden mochte, 
sich in die Überführung dieser recht umfangreichen und wertvollen Bibliothek zu fügen, 
erhob unvermutet Anspruch auf die Drucke und Handschriften, die pfälzische und bayrische 
Geschichte behandeln. Die dadurch notwendigen Verhandlungen wurden noch erschwert, 
39) Vergl. Duncker, Albert, Die Erwerbung der Pfälzer Hofbibliothek durch den Landgrafen Karl von 
Hessen-Gasse] im Jahre 1686, in: Zentralblatt für Bibliothekswesen, II, 1885, S.213 ff.
	        

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