Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

seiner Antwort vorn 18. Mai, die sich in allen Teilen auf ein von Haas beschleunigt ausge- 
arbeitetes Gutachten stützt, diese Seite der Angelegenheit gänzlich unerörtert; er be- 
schränkte sich vielmehr darauf darzulegen, daß es sich nur um die Doppelstücke handeln 
könne, die im Augenblick des Vertragsschlusses vorhanden waren, daß deren Zahl nach den 
Nöten und Verlusten des Krieges aber nicht erheblich war; über die seitdem hinzugekom- 
menen Bestände zu verhandeln, lehnt er ab. In geschickter Weise kommt er aber darauf 
zurück, daß der Bruder des Landgrafen Ernst, Hermann, damals verschiedene Bücher 
entliehen, aber nicht zurückgeliefert habe; Hermann hätte bei dieser Gelegenheit sicherlich 
die Doppelstücke juristischer Werke, wenn solche vorhanden gewesen wären, angefordert. 
Diesen Darlegungen gegenüber sah sich Ernst in einiger Verlegenheit, und es blieb ihm 
nichts anderes übrig, als einen vollen Rückzug anzutreten. Denn nicht anders ist es zu 
werten, wenn er behauptet, niemals andere Doppelstücke als die verlangt zu haben, die 
beim Ableben seines Vaters etwa vorhanden gewesen seien. Er erklärt sich auch bereit, 
die von seinem Bruder Hermann entliehenen NVerke zurückzuliefern, wenn ihm diese nam- 
haft gemacht würden 36). Damit bricht dieser Briefwechsel ab; die Bibliothek ist also in 
der Ausnutzung der durch den Verkauf der Doppelstücke gegebenen Möglichkeit, neue 
Mittel für Ankäufe zu gewinnen, wohl nicht weiter behindert worden _ sie hat aber ver- 
mutlieh auch auf die Rückgabe der von Hermann entliehenen Werke, über die nichts 
Näheres bekannt ist, verzichten müssen; in den Akten findet sich jedenfalls keine Spur 
davon, daß sie nochmals verlangt und dann auch zurückgekommen wären. 
Unter den Anschaffungen, die für die Amtszeit des Haas im einzelnen nachzuweisen 
sind, muß die große Polyglottenbibel besonders hervorgehoben werden, die Biblia sacra 
polyglotta complectentia hebraicum cum Pentateucho Samaritano, chaldaicum, graecum, 
versionumque antiquarum Samaritanae, graecae LXXII interpr. Chaldaicae, Syriacae, Ara- 
bicae, Aethiopicae, Persieae, Vulg.Lat.quidquid comparari poterat. Opus totum in sex 
tomos tributum. Edidit Brianus Waltonus. London, impr. Th. Roycroft, 1657; dazu gehört 
das Lexicon heptaglotton Castelli's, London, impr. Th. Roycroft, 1669. Diese kurz als Lon- 
doner Polyglotte bezeichnete elfbändige Bibel reiht sich würdig an die beiden schon damals 
vorhandenen Polyglotten, die Complutenser von 15136-1517 und die Antwerpener, die 
Biblia regia von 1569 an. Diese drei seltenen Bibelausgaben zählen zu den kostbarsten 
Stücken der wertvollen Kasseler Bibelsammlung. Wie weit Haas bei der Beschaffung der 
Londoner Polyglotte mitgewirkt hat, läßt sich nicht mehr feststellen; sie wurde schon 
1674, also ein Jahr nach seinem Amtsantritt, unmittelbar aus London bezogen und mußte 
mit 115 thlr. 24 alb. 6 hlr. bezahlt werden! 
Der Eifer, mit dem Haas auf Vermehrung der Bibliothek bedacht war, offenbarte 
sich auch in der zweifellos von ihm ausgehenden Anregung, die umfangreiche Handschrif- 
tensammlung, die Landgraf Moritz als Ausfluß seiner Liebhaberei für Chemie und Alchemie 
zusammengebracht hatte, der Bibliothek zu überweisen. Moritz hatte die sämtlichen _ es 
waren 600 Werke - „Codiees Mstos Chymieos" in sein Schlafzimmer bringen, ordnen 
und katalogisieren") lassen; nach seinem Tod wurden sie im Laboratorium aufgestellt. 
Erst am 22. Juli 1675 erhielt Angeloerator - der hier nur noch als „Leib- und Hofmedicus" 
bezeichnet wird - den Befehl, diese Handschriften „dem Bibliotheeario Joh. Sebastian 
Hasen nach dem darüber vorhandenen inventario" zu überliefernßs). 
36) Schreiben Ernsts von Hessen-Rotenburg an Landgraf Karl, d. d. Rheinfels 28. Maij9. Juni 1678. 
A. L. B. I, 2. 
37) VergLKalckhoffs Hassia literata. L. B. Mss. Hass. fol.71--Bl. 133 v. Rommel VI, S. 426, Anm. 166. 
38) Verfügung an Angelocrator. A. L. B. Xa, 3.
        

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